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	<title>Kapitel &#8211; Jüdische Gelehrte an der Universität Leipzig</title>
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	<description>Teilhabe, Benachteiligung und Ausschluss. Eine Online-Ausstellung.</description>
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	<title>Kapitel &#8211; Jüdische Gelehrte an der Universität Leipzig</title>
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		<title>Einführung: Drei Generationen der Familie Fürst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jan 2018 19:18:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel]]></category>
		<category><![CDATA[Familie Fürst]]></category>
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					<description><![CDATA[Von 1854 bis 1873 regierte König Johann&#160;I. (1801–1873) als Katholik das mehrheitlich protestantische Königreich Sachsen. Der Monarch, der Dantes Göttliche Komödie ins Deutsche übertrug, wirkte nicht zuletzt als Kenner und Förderer der Wissenschaften. In Leipzig suchte er mehrmals den Kontakt mit dem weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Orientalisten Julius Fürst (1805–1873), (Bild 1) der [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image alignfull size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="599" height="335" src="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_einfuehrung.jpg" alt="" class="wp-image-2646" srcset="https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_einfuehrung.jpg 599w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_einfuehrung-300x168.jpg 300w" sizes="(max-width: 599px) 100vw, 599px" /><figcaption class="wp-element-caption">Zeichnung von <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1437">Julius Fürst</a>│Illustrirte Zeitung, Bd. 54 (1870), S. 117; gemeinfrei.</figcaption></figure>



<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-drop-cap has-small-font-size">Von 1854 bis 1873 regierte König Johann&nbsp;I. (1801–1873) als Katholik das mehrheitlich protestantische Königreich Sachsen. Der Monarch, der Dantes <em>Göttliche Komödie</em> ins Deutsche übertrug, wirkte nicht zuletzt als Kenner und Förderer der Wissenschaften. In Leipzig suchte er mehrmals den Kontakt mit dem weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Orientalisten <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1437">Julius Fürst</a> (1805–1873), <strong>(Bild 1)</strong> der als erster ungetaufter Jude an der Universität Leipzig eine Anstellung als Lektor und Sprachlehrer erhalten hatte.<a id="a1" href="#f1"><sup>[1]</sup></a> Bei einem Zusammentreffen erkundigte sich der sächsische König nach dem Befinden des Wissenschaftlers, worauf er die Antwort erhielt: „Schlecht, Eure Majestät; ich bin immer noch nicht Professor.“ Der König antwortete: „Beruhigen Sie sich, ich kann es als Katholik auch nicht werden.“<a id="a2" href="#f2"><sup>[2]</sup></a></p>



<p class="has-small-font-size">Diese Begegnung wirft ein Schlaglicht auf die Widersprüche und Spannungen, denen sich der jüdische Gelehrte Fürst, welcher sich um kulturelle Anpassung und akademische Anerkennung bemühte, im Sachsen um die Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesetzt sah. Damit verweist die Anekdote aber auch auf einen zeittypischen Wandel, der althergebrachte Institutionen herausforderte. Schon dem Wunsch Fürsts, Professor zu werden, ging eine hohe soziale und geografische Mobilität voraus, die er mit vielen bildungs- und aufstiegsorientierten Juden<a id="a3" href="#f3"><sup> </sup></a>der Zeit teilte.<a href="https://gelehrte.dubnow.de/?post=282#f3;"><a id="a3" href="#f3"><sup>[3]</sup></a>



<p class="has-small-font-size">Fast ohne Deutschkenntnisse und ohne finanzielle Mittel kam der 15-jährige Fürst 1820 aus einem kleinen Dorf in der südpreußischen Provinz Posen nach Berlin. Bis dahin hatte der Sohn eines Rabbiners nur eine traditionelle jüdische Religionsschule besucht und sich autodidaktisch Kenntnisse klassischer Sprachen angeeignet. Nachdem er sein Reifezeugnis erlangt hatte, begann er mit einem Studium der Philosophie, Theologie und Orientalistik, das er nach Stationen in Berlin, Breslau, Halle und Leipzig schließlich mit einer Promotion in Jena abschloss. Als Privatgelehrter ließ er sich 1833 in Leipzig nieder und wurde hier sechs Jahre später als Lektor für aramäische und talmudische Sprachen zum ersten jüdischen Hochschullehrer Sachsens. <strong>(Bild 2)</strong> Die Möglichkeit, ordentlicher Professor zu werden, blieb Fürst als Jude allerdings verwehrt. <br></p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Auch die Protektion des sächsischen Monarchen änderte daran nichts, stand dessen persönlicher und politischer Werdegang doch selbst im Spannungsverhältnis von Modernität und Tradition.<a id="a4" href="#f4"><sup>[4]</sup></a> Vor seiner Thronbesteigung durchlief Johann&nbsp;I. eine Ausbildung in der Verwaltung des Königreichs; als Regent modernisierte er ab 1854 das Justizwesen, brachte den Ausbau des Eisenbahnnetzes voran, förderte die industrielle Entwicklung und vertrat Positionen religiöser Toleranz.<a id="a5" href="#f5"><sup>[5]</sup></a> <strong>(Bild 3)</strong> Gleichzeitig dachte er politisch konservativ und verteidigte den christlichen Charakter des sächsischen Staates. Noch 1837 hatte es Johann als Mitglied der Ersten Kammer des sächsischen Landtags abgelehnt, dass Juden als Advokaten zugelassen werden. Der „christliche Staat“, so der Thronfolger, der 1854 nach dem Tod seines kinderlos gebliebenen Bruders die sächsische Krone übernahm, müsse „auch von christlichen Grundsätzen durchdrungen seyn.“ Deshalb dürften „Nichtchristen auch an politischen Rechten nicht Antheil nehmen“.<a id="a6" href="#f6"><sup>[6]</sup></a> </p>



<p class="has-small-font-size"><a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1437">Julius Fürst</a> bekam im Mai 1864 nach 25 Jahren akademischer Lehrtätigkeit eine Ehrenprofessur verliehen. Dieser Titel war weder mit den universitären Mitspracherechten noch den finanziellen Einkünften einer ordentlichen Professur verknüpft; nichtsdestotrotz dokumentiert er die Wertschätzung, die dem Orientalisten an der Universität entgegengebracht wurde. Im April 1870 berichteten die Leipziger Zeitungen davon, dass König Johann ihm in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen den sächsischen Albrechtsorden verliehen hatte.<a id="a7" href="#f7"><sup>[7]</sup></a> Als in der Universität und Bürgergesellschaft der Stadt hoch angesehener Gelehrter verstarb Fürst im Februar 1873.</p>



<p class="has-small-font-size">Über die Grenzen der Religionen hinweg nahmen Leipziger Standespersonen und Vertreter der Regierung an der von der jüdischen Gemeinde ausgerichteten Trauerfeier teil. Sein Sohn Livius (1840–1907) <strong>(Bild 4)</strong> sprach <a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2592051" data-type="URL" data-id="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2592051" target="_blank" rel="noreferrer noopener">in einer späteren Erinnerung </a>„von so eigenartigem, zugleich rituellem wie interkonfessionellem Charakter, wie es Leipzig bis dahin nicht gesehen hatte“. Zudem rühmte ein Nachruf der in Leipzig herausgegebenen Zeitschrift <em>Die Gartenlaube</em>, des ersten erfolgreichen Massenblattes, das deutschlandweit vertrieben wurde, Fürst als „nicht bloß eine der geachtetsten, sondern auch der beliebtesten Persönlichkeiten Leipzigs“.<a id="a8" href="#f8"><sup>[8]</sup></a></p>
</div>
</div>



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<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Angesichts der Stellung des Vaters begann Livius Fürst seine eigene akademische Karriere mit besseren Ausgangsbedingungen. Nicht als Schriftgelehrter alter Sprachen, sondern als Arzt für Frauen- und Kinderheilkunde, zwei Fächer, die sich um die Jahrhundertwende im Zuge der modernen Ausdifferenzierung der Medizin im 19. Jahrhundert zu eigenständigen Teildisziplinen entwickelten, wurde der Sohn <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1437">Julius Fürsts</a> zu einem über Sachsen hinaus bekannten Experten. Nach seinem Medizinstudium in Jena und Leipzig wurde er 1864 promoviert. <strong>(Bild 5) </strong>Ein Jahr später übertrug man ihm die Leitung der Pädiatrischen Poliklinik der Messestadt, die er mehr als 20 Jahre innehatte. Sowohl im Krieg von 1866 als auch jenem von 1870/71 leistete Livius Fürst Dienst als Militärarzt. Noch im Gründungsjahr des Deutschen Reiches 1871 habilitierte er sich in Leipzig zum Privatdozenten.<a id="a9" href="#f9"><sup>[9]</sup></a> An der Medizinischen Fakultät lehrte er 42 Semester, daneben schrieb er fach- und populärwissenschaftliche Bücher über Kinderkrankheiten und Frauenhygiene, tat sich aber auch als Märchenschriftsteller und Herausgeber eines Lessing-Mendelssohn-Gedenkbuchs hervor.<a id="a10" href="#f10"><sup>[10]</sup></a> </p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Livius Fürst war ein deutsch-jüdischer Gelehrter par excellence, der 1877 den Ehrentitel des Sanitätsrats verliehen bekam. Zum Professor wurde jedoch auch er nie berufen. 1893 verließ er Leipzig und lebte fortan in Berlin. So stehen sein beruflicher Erfolg und seine hoch angesehene Stellung in Sachsen einerseits für erfolgreiche jüdische Teilhabe und geben doch Hinweise auf fortbestehende Beschränkungen.</p>



<p class="has-small-font-size">Das Schicksal der Familie Fürst bezeugt schließlich auch das Ende, ja die unmenschliche Umkehr des jüdischen Strebens nach gesellschaftlicher Teilhabe in Deutschland. Livius Fürsts älteste Tochter, Else (Elisabeth) Fürst, 1873 in Leipzig geboren und zu ihrer Zeit eine bekannte Bildhauerin und Medailleurin, wurde 1943 nach Theresienstadt verschleppt und starb dort im gleichen Jahr. Ihre vier Jahre ältere Schwester Helene, die als Violinistin in Berlin lebte, wurde 1944 in Auschwitz umgebracht.<a id="a11" href="#f11"><sup>[11]</sup></a><strong> (Galerie)</strong></p>
</div>
</div>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide"/>


<p><a id="f1" href="#a1"><sup>[1]</sup></a> Katharina Vogel, Der Orientalist Julius Fürst (1805–1873). Wissenschaftler, Publizist und engagierter Bürger, in: Stephan Wendehorst (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, Leipzig 2006, 41–60, hier 41.</p>
<p><a id="f2" href="#a2"><sup>[2]</sup></a> Hier zit. n. Stephan Wendehorst, Eine jüdische Geschichte der Universität Leipzig. Konzeption, Umsetzung und Perspektiven, in: Ders. (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, 11–37, hier 22. Festgehalten ist die Begegnung in den Lebenserinnerungen des Germanisten Georg Witkowski (1863–1939), vgl. Georg Witkowski, Von Menschen und Büchern. Erinnerungen 1863–1933, Leipzig 2010, 15–16.</p>
<p><a id="f3" href="#a3"><sup>[3]</sup></a> Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird hier und im Folgenden das generische Maskulinum verwendet. Gemeint sind jedoch immer alle Geschlechter.</p>
<p><a id="f4" href="#a4"><sup>[4]</sup></a> Vgl. dazu: Winfried Müller/Martina Schattkowsky (Hgg.), Zwischen Tradition und Modernität. König Johann von Sachsen 1801–1873, Leipzig 2004.</p>
<p><a id="f5" href="#a5"><sup>[5]</sup></a> Vgl. Hans-Werner Hahn, Industrialisierung, Wirtschaftspolitik und Deutsche Frage. Sächsische Wirtschaftspolitik unter König Johann 1854–1873, in: Müller/Schattkowsky (Hgg.), Zwischen Tradition und Modernität, 143–163.</p>
<p><a id="f6" href="#a6"><sup>[6]</sup></a> Landtags-Acten vom Jahre 1836/37. Zweite Abteilung, die Protocolle der 1sten Kammer enthaltend, Bd. 2, 361; hier zit. n. Michael Schäbitz, Juden in Sachsen – Jüdische Sachsen? Emanzipation, Akkulturation und Integration 1700–1914, Hannover 2006, 121.</p>
<p><a id="f7" href="#a7"><sup>[7]</sup></a> Illustrirte Zeitung, 23.4. 1870, 302; Leipziger Zeitung, 14.4.1870, 2446; hier zit. n. Vogel, Der Orientalist Julius Fürst (1805–1873), 56.</p>
<p><a id="f8" href="#a8"><sup>[8]</sup></a> Livius Fürst, Persönliches über Julius Fürst, in Ost und West 5 (1905), H. 4, Sp. 247–262; hier zit. n. Vogel, Der Orientalist Julius Fürst (1805–1873), 58.</p>
<p><a id="f9" href="#a9"><sup>[9]</sup></a> Julius Pagel, Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts. Berlin/Wien 1901, Sp. 568–570, hier zit. n. <a href="http://www.zeno.org/Pagel-1901/A/F%C3%BCrst,+Livius" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.zeno.org/Pagel-1901/A/F%C3%BCrst,+Livius</a> (letzter Aufruf: 03.03.2022).</p>
<p><a id="f10" href="#a10"><sup>[10]</sup></a> Art. Fürst, Livius, in: Archiv Bibliographia Judaica e. V. (Hg.), Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Bd. 8, München 2000, 264–266.</p>
<p><a id="f11" href="#a11"><sup>[11]</sup></a> Isidore Singer/Frederick T. Haneman, Livius Fürst, in: Isidore Singer (Hg), Jewish Encyclopedia, Bd. 5, 534, hier zit. n.: <a href="http://www.jewishencyclopedia.com//articles/6435-furst-livius" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.jewishencyclopedia.com//articles/6435-furst-livius</a> (letzter Aufruf: 03.03.2022); vgl. auch Bundesarchiv (Hg.), Das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945), Koblenz 2006, hier zit. n.: <a href="https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/</a> (letzter Aufruf: 03.03.2022).</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1"></a></p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1"></a></p>


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<p class="has-background" style="background-color:#e2e2e3">>>Kapitel: <a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=310">Im Prozess der Emanzipation</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Im Prozess der Emanzipation</title>
		<link>https://gelehrte.dubnow.de/juedische-wissenschaftler/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jan 2018 19:16:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 25. November 1848 würdigte Julius Fürst in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Der Orient den in Wien hingerichteten Revolutionär Robert Blum als Kämpfer für die „Freiheit sans phrase“. Gleichzeitig warnte der jüdische Universitätslehrer davor, dass nach der Niederlage der Revolution in Wien die Juden der Schuld für den Aufruhr bezichtigt und der Verfolgung ausgesetzt [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image alignfull size-large"><img decoding="async" width="648" height="354" src="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_emanzipation.png" alt="" class="wp-image-2647" srcset="https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_emanzipation.png 648w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_emanzipation-300x164.png 300w" sizes="(max-width: 648px) 100vw, 648px" /><figcaption class="wp-element-caption"><br>Der Revolutionär Robert Blum spricht auf dem Balkon des Leipziger Rathauses, Lithografie│Stadtgeschichtliches Museum Leipzig,<br>Inv.-Nr. Rev. 70</figcaption></figure>



<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-drop-cap has-small-font-size">Am 25. November 1848 würdigte <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1437">Julius Fürst</a> in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift <em>Der Orient</em> den in Wien hingerichteten Revolutionär Robert Blum als Kämpfer für die „Freiheit sans phrase“. Gleichzeitig warnte der jüdische Universitätslehrer davor, dass nach der Niederlage der Revolution in Wien die Juden der Schuld für den Aufruhr bezichtigt und der Verfolgung ausgesetzt würden.<a id="a1" href="#f1"><sup>[1]</sup></a> Die Sorge Fürsts, Juden könnten zu den Leidtragenden der Ereignisse werden, war nicht unbegründet. In weiten Teilen Europas hatten Missernten und Wirtschaftskrisen zu steigender Unzufriedenheit und schließlich von Frankreich ausgehend zu revolutionären Erhebungen gegen die sozialen und politischen Verhältnisse geführt. <strong>(Bild 1)</strong> Dabei war es auch zu antijüdischen Gewalttaten und Plünderungen gekommen,<a rel="noreferrer noopener" href="http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3237496" data-type="URL" data-id="http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3237496" target="_blank"> so etwa in einigen badischen Landgemeinden.</a></p>



<p class="has-small-font-size">Auch der seit 1836 in Dresden als sächsischer Oberrabbiner tätige Zacharias Frankel (1801–1875) <strong>(Bild 2)</strong> bemerkte zu Beginn des Revolutionsjahres 1848 eine öffentliche Ablehnung der erneut aufkommenden Forderungen nach einer Gleichberechtigung für Juden. Selbst die als Verfechter der Religionsfreiheit geltenden Demokraten hätten sich in öffentlichen Versammlungen nicht der im Volk verbreiteten Skepsis gegenüber der Judenemanzipation widersetzt. Doch noch im Laufe des Revolutionsjahrs glaubte auch Frankel, eine zunehmende Bereitschaft innerhalb der Bevölkerung zur Gleichstellung der Juden beobachten zu können.<a id="a2" href="#f2"><sup>[2]</sup></a> Die sich wandelnden Wahrnehmungen Frankels sind Ausdruck der Unsicherheit und Nichtanerkennung, aber auch der Hoffnung und eines Selbstbewusstseins, die mit der jüdischen Existenz im deutschsprachigen Raum einhergingen.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">In Sachsen begannen sich erst ab 1830 die Befürworter einer schrittweisen Verbesserung der rechtlichen Verhältnisse für Juden durchzusetzen. So wurden 1834 die Aufnahme jüdischer Lehrlinge im Handwerk erlaubt und die Ungleichheit bei der Personensteuer aufgehoben. Der Staat übernahm die Oberaufsicht über den Kultus und das Schulwesen der Juden in Dresden und Leipzig und erkannte damit erstmals die jüdische Religion offiziell an.<a id="a3" href="#f3"><sup>[3]</sup></a> Vertreter einer aufgeklärten Monarchie wie der Leipziger Philosophieprofessor Wilhelm Traugott Krug (1770–1842)<a rel="noreferrer noopener" href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180012178001" data-type="URL" data-id="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180012178001" target="_blank"> verlangten uneingeschränkte Bürgerrechte für Juden</a> und unterstützten dabei innerjüdische Reformbemühungen, die auf die Modernisierung der traditionsbehafteten jüdischen Gemeinden zielten.<a id="a4" href="#f4"><sup>[4]</sup></a> </p>



<p class="has-small-font-size">So verkehrte Krug mit dem Dresdner Privatgelehrten Bernhard Beer (1801–1861), <strong>(Bild 3)</strong> der seit den 1820er Jahren mit weiteren, an moderner Wissenschaft interessierten Juden religionsphilosophische Texte in einem für die bürgerliche Gesellschaft der Zeit typischen Leseverein diskutierte. Zudem hatte Beer 1829 einen interkonfessionellen Mendelssohn-Verein gegründet, der sich der handwerklichen sowie wissenschaftlichen Jugenderziehung widmete. 1833 führte er die jüdische Konfirmation für Jungen ein; ein Übergangsritus, der vor allem in reformjüdischen Kreisen auf Resonanz stieß.<a id="a5" href="#f5"><sup>[5]</sup></a> </p>



<p class="has-small-font-size">Beer publizierte religionsgeschichtliche Werke, veröffentlichte aber zudem eine Reihe von Denkschriften, in denen er sich für die Gleichberechtigung der Juden einsetzte. Auf Initiative Krugs bekam Bernhard Beer 1834 für seine Bemühungen, zeitgemäße Religionsbildung mit moderner Wissenschaft zu verbinden, die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig verliehen. <strong>(Galerie 1)</strong></p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Die Hoffnung auf eine baldige Beseitigung der noch bestehenden Beschränkungen erfüllte sich indes nicht. So benachteiligte die 1831 <a rel="noreferrer noopener" aria-label=" (öffnet in neuem Tab)" href="https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/89449/3/" target="_blank">in Sachsen verabschiedete Verfassung</a> Juden etwa hinsichtlich der Möglichkeiten von Grunderwerb, Gewerbefreiheit und Aufenthaltsrecht. Insofern gab es für Juden <a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3237532" data-type="URL" data-id="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3237532" target="_blank" rel="noreferrer noopener">viele Gründe, eine Liberalisierung der politischen Verhältnisse zu unterstützen</a>.</p>



<p class="has-small-font-size">In einer <a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2360543" data-type="URL" data-id="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2360543" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Reihe von Artikeln berichtete <em>Der Orient</em></a> über politische Versammlungen, auf denen Religionsfreiheit und Trennung von Kirche und Staat gefordert wurden, wobei die jüdische Emanzipation als Bestandteil des allgemeinen Freiheitsstrebens angesehen wurde.<a id="a6" href="#f6"><sup>[6]</sup></a> </p>



<p class="has-small-font-size">Am 2. März 1849 bestätigten die vom sächsischen König Friedrich August II. (1797–1854) ein Jahr zuvor eingesetzte liberale Regierung und das von Demokraten dominierte sächsische Parlament die Trennung von Staat und Kirche sowie die völlige Religionsfreiheit. Damit war die bereits zuvor vom Frankfurter Nationalparlament beschlossene Gleichstellung der Juden auch in Sachsen rechtlich festgeschrieben.</p>



<p class="has-small-font-size">Mit <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1439">Bernhard Hirschel</a> (1815–1874) <strong>(Bild 4)</strong>, der von 1834 bis 1838 an der Universität Leipzig Medizin studiert hatte und nach seiner Promotion als Arzt, Homöopath und Medizinhistoriker wirkte, <strong>(Bild 5)</strong> wurde 1849 in Dresden erstmals ein Jude in eine sächsische Stadtverordnetenversammlung gewählt. Die Kopplung des aktiven und passiven Wahlrechts an das Bekenntnis zum christlichen Glauben war entfallen.<a id="a7" href="#f7"><sup>[7]</sup></a> </p>



<p class="has-small-font-size">Allerdings wendete sich das Blatt und die liberal-demokratische Bewegung erfuhr Anfang 1849 eine Niederlage. Der König lehnte die von der Frankfurter Nationalversammlung entworfene Reichsverfassung ab und löste im April den sächsischen Landtag auf. Daraufhin kam es in Dresden zum Aufstand, der schnell durch preußische und sächsische Truppen niedergeschlagen wurde. <strong>(Bild 6)</strong> Nach der Niederlage der Aufständischen leitete die Polizei über 3000 Gerichtsverfahren gegen Teilnehmer und Unterstützer der Revolution ein. Auch <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1439">Bernhard Hirschel</a> wurde <a href="https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8236600" data-type="URL" data-id="https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8236600" target="_blank" rel="noreferrer noopener">verhaftet</a>, kam aber nach zehn Wochen gegen Kaution frei.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Mit der Restauration wurde die in den „Grundrechten des deutschen Volkes“ festgelegte Trennung von Religion und Staat wieder verworfen, einige staatsbürgerliche Rechte, etwa die Niederlassungsfreiheit für Juden, blieben erhalten. Allerdings war es ausdrückliches Ziel der neuen sächsischen Regierung, die Zahl der im Königreich lebenden Juden zu begrenzen.<a id="a8" href="#f8"><sup>[8]</sup></a> Erst nach dem Beitritts Sachsen zum Norddeutschen Bund 1866 wurde die Emanzipation der Juden gesetzlich bestätigt. <strong>(Bild 7)</strong> Doch verschwand nach der rechtlichen Gleichstellung die Benachteiligung der jüdischen Bevölkerung nicht. Vielmehr zeigte sich nun immer häufiger der Widerspruch zwischen den Verfassungsregelungen und der Verfassungsrealität.</p>



<p class="has-small-font-size">Sachsen wurde zudem schon früh ein Zentrum des modernen politischen Antisemitismus. In Dresden gründete sich 1879 der Deutsche Reformverein, der 1882 in der sächsischen Residenzstadt den Ersten und 1883 in Chemnitz den Zweiten Internationalen antijüdischen Kongress veranstaltete. Die in der sächsischen Politik viele Jahrzehnte dominierende Konservative Partei <a rel="noreferrer noopener" aria-label="integrierte antijüdische Positionen in ihr Programm (öffnet in neuem Tab)" href="https://archive.org/details/conservativeinma00frieuoft/page/n1/mode/2up" target="_blank">integrierte antijüdische Positionen in ihr Programm</a>. Gerade angesichts der Großen Depression (1873–1896), der Wirtschaftskrise, die in Sachsen besonders klein- und mittelständische Textilbetriebe erfasst hatte, galten Juden wie auch Sozialdemokraten <a rel="noreferrer noopener" href="http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3257038" data-type="URL" data-id="http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3257038" target="_blank">als Beförderer eines Materialismus, der die traditionelle christliche Sozialethik bedrohte</a>.</p>



<p class="has-small-font-size">Gleichwohl bestand das Leben der wachsenden, aber nach wie vor sehr kleinen jüdischen Minderheit in Sachsen nicht nur aus Ausgrenzung und Antisemitismus, sondern bot – im Kernland der Industrialisierung – unzählige Möglichkeiten geschäftlicher und beruflicher Etablierung wie auch künstlerischer Verwirklichung. <strong>(Diagramme 1 und 2)</strong> Höhere Ämter in Bildungswesen, Militär, Justiz und Verwaltung waren der jüdischen Bildungselite allerdings weiter unzugänglich oder nur in Ausnahmefällen zu erreichen.<br>Die Ausgrenzung bei der Wahl bestimmter Berufe war jetzt jedoch nicht mehr im geltenden Recht festgeschrieben, sondern erfolgte über institutionelle Praktiken.</p>
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<p class="has-small-font-size"><a id="f1" href="#a1"><sup>[1]</sup></a> Der Orient 48 (1848), hier 373.</p>
<p class="has-small-font-size"><a id="f2" href="#a2"><sup>[2]</sup></a> Michael Schäbitz, Juden in Sachsen – Jüdische Sachsen? Emanzipation, Akkulturation und Integration 1700–1914, Hannover 2006, 185–186.</p>
<p class="has-small-font-size"><a id="f3" href="#a3"><sup>[3]</sup></a> Daniel Ristau, Jüdisches Leben in Sachsen vom 17. Jahrhundert bis 1840, in: Gunda Ulbricht/Olaf Glöckner (Hgg.), Juden in Sachsen, Leipzig 2013, 38–67, hier 57.</p>
<p class="has-small-font-size"><a id="f4" href="#a4"><sup>[4]</sup></a> Ristau, Jüdisches Leben in Sachsen vom 17. Jahrhundert bis 1840, 56.</p>
<p class="has-small-font-size"><a id="f5" href="#a5"><sup>[5]</sup></a> Ristau, Jüdisches Leben in Sachsen vom 17. Jahrhundert bis 1840, 54.</p>
<p class="has-small-font-size"><a id="f6" href="#a6"><sup>[6]</sup></a> Katharina Vogel, Der Orientalist Julius Fürst (1805–1873). Wissenschaftler, Publizist und engagierter Bürger, in: Stephan Wendehorst (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, Leipzig 2006, 41–60, hier 55.</p>
<p class="has-small-font-size"><a id="f7" href="#a7"><sup>[7]</sup></a> Solvejg Höppner, Juden in Sachsen zwischen bürgerlicher Revolution und Erstem Weltkrieg, in: Ulbricht/Glöckner (Hgg.), Juden in Sachsen, 84–119, hier 87.</p>
<p class="has-small-font-size"><a id="f8" href="#a8"><sup>[8]</sup></a> Schäbitz, Juden in Sachsen – jüdische Sachsen? 209.</p>


<p class="has-background" style="background-color:#f6f6f6"><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=282">Einführung: Drei Generationen der Familie Fürst</a>&lt;&lt;  >><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=315">Bildung und Verbürgerlichung</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Bildung und Verbürgerlichung</title>
		<link>https://gelehrte.dubnow.de/antisemitismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jan 2018 19:15:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel]]></category>
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					<description><![CDATA[Traditionell galt Wissen im Judentum als hoher Wert. Bis zur Haskala, der jüdischen Aufklärung, umfasste dieser Wissensbegriff vornehmlich die Kenntnis religiöser Glaubensinhalte sowie heiliger und ritueller Schriften in hebräischer Sprache.[1] Seit dem Ende des 17.&#160;Jahrhundert entwickelte sich in Mitteuropa ein breiteres Interesse an den Bildungskulturen der Umgebungsgesellschaften und damit auch für weltliche Wissensgebiete. Dies stieß [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image alignfull size-large is-style-default"><img decoding="async" width="1024" height="556" src="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2022/03/BILDUNG_Titelbild_2-1024x556.jpg" alt="Titelseite von Witkowksis Goethe-Biografie" class="wp-image-4268" srcset="https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2022/03/BILDUNG_Titelbild_2-1024x556.jpg 1024w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2022/03/BILDUNG_Titelbild_2-300x163.jpg 300w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2022/03/BILDUNG_Titelbild_2-768x417.jpg 768w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2022/03/BILDUNG_Titelbild_2.jpg 1029w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Titelbild einer Goethe-Biografie von <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=2327">Georg Witkowski</a> </figcaption></figure>



<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-drop-cap has-small-font-size">Traditionell galt Wissen im Judentum als hoher Wert. Bis zur Haskala, der jüdischen Aufklärung, umfasste dieser Wissensbegriff vornehmlich die Kenntnis religiöser Glaubensinhalte sowie heiliger und ritueller Schriften in hebräischer Sprache.<a id="a1" href="#f1"><sup>[1]</sup></a> Seit dem Ende des 17.&nbsp;Jahrhundert entwickelte sich in Mitteuropa ein breiteres Interesse an den Bildungskulturen der Umgebungsgesellschaften und damit auch für weltliche Wissensgebiete. Dies stieß innerhalb der jüdischen Gemeinden zunächst oft auf Widerstand. Noch in den 1790er Jahren war es aufgrund der Bedenken der Gemeindeelite nicht möglich, in Dresden eine moderne jüdische Schule zu gründen. Viele Juden aus Sachsen studierten aufgrund der Beschränkungen und fehlender beruflicher Perspektiven außerhalb des Landes. Einige Kinder besuchten die neuen Reformschulen, etwa in Seesen und Dessau. In den 1820er Jahren führte der jüdische Privatlehrer Marcus David Landau (1789/90–1859) in Dresden weltliche Unterrichtsfächer wie Erdkunde und allgemeine Geschichte in seinen bisher der Vermittlung religiöser Lehrinhalte vorbehaltenen Unterricht ein. Wenig später lernten jüdische Schüler, etwa der spätere Arzt Elias Collin (1786–1851) und Bernhard Hirschel, im christlichen Kreuzgymnasium<strong> (Bild 1 und 2)</strong> und studierten, wie Hirschel und der spätere medizinische Hofrat Paul Wolf (1795–1857), an der Universität Leipzig.<a id="a2" href="#f2"><sup>[2]</sup></a></p>



<p class="has-small-font-size">Nach der rechtlichen Emanzipation wuchs die Anzahl jüdischer Schüler an höheren Schulen.<a id="a3" href="#f3"><sup>[3]</sup></a> Gab es 1867 nur 61 jüdische Gymnasiasten, war ihre Zahl vier Jahre später bereits auf 164 gestiegen. Die große Anziehungskraft höherer Bildung für Juden in Sachsen erschließt sich noch eindrücklicher im Vergleich mit den Schülerzahlen anderer Konfessionen. Während 1876 im Durchschnitt aller Religionszugehörigkeiten etwa 96&nbsp;Prozent der Schulkinder eine Volksschule besuchten, wurde diese Schulform nur von 41 Prozent der jüdischen Schüler gewählt. <strong>(Diagramm 3)</strong></p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Der überwiegende Teil jüdischer Schüler besuchte stattdessen Gymnasien, Privat- und Realschulen oder höhere Töchterschulen.<a id="a4" href="#f4"><sup>[4]</sup></a> Diese Entwicklung setzte sich auch an den deutschsprachigen Universitäten fort.<a id="a5" href="#f5"><sup>[5]</sup></a> Allerdings fielen erst nach und nach die jahrhundertealten Barrieren der akademischen Institutionen, die sich in der Vormoderne vor allem als christliche Korporationen verstanden.<a id="a6" href="#f6"><sup>[6]</sup></a> In Leipzig immatrikulierte sich 1752 Jonas Jeitteles als erster jüdischer Student für das Fach Medizin; <strong>(Bild 3)</strong> <a rel="noreferrer noopener" aria-label=" (öffnet in neuem Tab)" href="https://books.google.de/books?id=jvlKAAAAcAAJ&amp;pg=PA478&amp;dq=Magazin+der+S%C3%A4chsischen+Geschichte.+Hrsg.+von+Johann+Christian+Hasche,+Miscellaneen,+478.&amp;hl=de&amp;sa=X&amp;ved=0ahUKEwjCjd__peHjAhVloYsKHUWNCVsQ6wEIKTAA#v=onepage&amp;q=Magazin%20der%20S%C3%A4chsischen%20Geschichte.%20Hrsg.%20von%20Johann%20Christian%20Hasche%2C%20Miscellaneen%2C%20478.&amp;f=false" target="_blank">das Promotionsrecht erlangten Juden erst 1784.</a></p>



<p class="has-small-font-size">Bis 1800 kamen 22 jüdische Studenten nach Leipzig; eine im Vergleich zu Berlin, Frankfurt/Oder, Halle, Königsberg oder Göttingen sehr geringe Zahl.<a id="a7" href="#f7"><sup>[7]</sup></a> Im 19. Jahrhundert wuchs ihr Anteil rasch an: Zwischen 1833 und 1907 nahmen 2.386 Studierende mit jüdischem Glaubensbekenntnis ein Studium in Leipzig auf.<a id="a8" href="#f8"><sup>[8]</sup></a> Die größte Steigerung ging mit den allgemein wachsenden Studierendenzahlen nach der Reichseinigung einher.<a id="a9" href="#f9"><sup>[9]</sup></a> <strong>(Diagramm 4)</strong> Der Anteil jüdischer Studenten lag 1909 bei vier Prozent und übertraf damit den Anteil der 0,3 Prozent jüdischer Einwohner Sachsens.<a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=315#f10"><a id="a10" href="#f10"><sup>[10]</sup></a> Zu den jüdischen Studenten gehörten viele Ausländer, die, angezogen vom guten Ruf der Universität, nach Leipzig kamen.</p>



<p class="has-small-font-size">Mit dem Streben nach höherer Bildung verbanden Juden das Ziel einer wirtschaftlichen und sozialen Besserstellung. Zudem verband sich damit der Wunsch nach gesellschaftlicher Teilhabe, der über die habituellen Alltagspraxen des deutschen Bildungsbürgertums in großem Maße erfüllt wurde.<a id="a11" href="#f11"><sup>[11]</sup></a> Mit Begeisterung gaben sich jüdische Familien der Musik Beethovens hin, folgten in philosophischen Grundfragen dem Idealismus Kants und Hegels und vergötterten die Literatur Goethes und Schillers.<a id="a12" href="#f12"><sup>[12]</sup></a> Für Literaturwissenschaftler jüdischer Herkunft wie Michael Bernays (1834–1897) und <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=2327">Georg Witkowski</a> (1863–1939) wurde die Verehrung der deutschen Literatur zur akademischen Lebensaufgabe. Witkowskis Goethe-Biografie gehörte zu den Klassikern des Genres. <strong>(Bild 4 und 5)</strong> <br></p>
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</div>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide"/>


<p><a id="f1" href="#a1"><sup>[1]</sup></a> Robert Liberles, An der Schwelle zur Moderne. 1680–1780, in: Marion Kaplan (Hg.), Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland. Vom 17.&nbsp;Jahrhundert bis 1945, München 2003, 21–122, hier bes. 70.</p>
<p><a id="f2" href="#a2"><sup>[2]</sup></a> Simone Lässig, Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19.&nbsp;Jahrhundert, Göttingen 2004, 402.</p>
<p><a id="f3" href="#a3"><sup>[3]</sup></a> Nicht nur in Sachsen: Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahm überall in Deutschland die Zahl jüdischer Absolventen höherer Schulen enorm zu. Vgl. Uffa Jensen, Art. Bildung, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 1, Stuttgart 2011, 342–346, hier bes. 344.</p>
<p><a id="f4" href="#a4"><sup>[4]</sup></a> Im Jahr 1880 besuchten etwa 17 Prozent der jüdischen, aber nicht einmal ein Prozent der evangelischen Schüler ein Gymnasium. vgl. Lässig, Jüdische Wege ins Bürgertum, 235–237.</p>
<p><a id="f5" href="#a5"><sup>[5]</sup></a> Jensen, Art. Bildung, 344.</p>
<p><a id="f6" href="#a6"><sup>[6]</sup></a> Zum Verhältnis von Juden und Universität in der Frühen Neuzeit vgl. Abraham David u.a. (Hg.), Leipziger Judentümer in Stadt und Universität. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Bibliotheca Albertina Leipzig, 13. Januar bis 25 April 2010, Leipzig 2010.</p>
<p><a id="f7" href="#a7"><sup>[7]</sup></a> Monika Richarz, Der Eintritt der Juden in die akademischen Berufe, Tübingen 1974, 46.</p>
<p><a id="f8" href="#a8"><sup>[8]</sup></a> Datensatz des Leipziger Universitätsarchivs von Studenten (1798–1909), deren Matrikeleinträge eine jüdische Religionszugehörigkeit verzeichnen. Es handelt sich um 3.977 Einträge, wobei Mehrfacheinschreibungen an der Universität zu berücksichtigen sind.</p>
<p><a id="f9" href="#a9"><sup>[9]</sup></a> Während 1864 mit 904 Studierenden in etwa die gleiche Anzahl wie noch 1817 eingeschrieben war, schnellte dieser Wert zwischen 1864 und 1909 auf 4.115 in die Höhe. Vgl. Franz Eulenburg, Die Entwicklung der Universität Leipzig in den letzten hundert Jahren. Nachdruck der Ausgabe von 1909 im Auftrag der Historischen Kommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Stuttgart 1995, 17; vgl. auch: Jens Blecher, Landesuniversität mit Weltgeltung. Die Alma mater Lipsiensis zwischen Reichsgründung und Fünfhundertjahrfeier 1871–1909, in: Hartmut Zwahr/Jens Blecher (Hgg.), Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Bd. 2, <span style="color: #000000;">Leipzig 2010</span>, 553–838, hier bes. 755.</p>
<p><a id="f10" href="#a10"><sup>[10]</sup></a> Eulenburg, Die Entwicklung der Universität Leipzig in den letzten hundert Jahren, 82.</p>
<p><a id="f11" href="#a11"><sup>[11]</sup></a> Simone Lässig, Art. Bürgertum, in: Diner, Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Stuttgart 2011, 471–476.</p>
<p><a id="f12" href="#a12"><sup>[12]</sup></a> Vgl. Doris Davidsohn, Erinnerungen einer deutschen Jüdin, in: Der Jüdische Wille 2 (1919), H. 1, 47–57.</p>


<p class="has-background" style="background-color:#f3f3f3"><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=310">Im Prozess der Emanzipation</a>&lt;&lt; >><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=319">Protestantische Landesuniversität Leipzig</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Protestantische Landesuniversität Leipzig</title>
		<link>https://gelehrte.dubnow.de/1945-1955/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jan 2018 19:13:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://wp.juedischegelehrtesachsen.de/?p=319</guid>

					<description><![CDATA[Die Universität Leipzig nahm im sächsischen Königreich eine herausragende Stellung ein. Zur Illustration dieser Rolle rief der Rechtshistoriker Eugen Rosenstock-Huessy (1888–1973) während einer 1950 gehaltenen Rede über „Das Geheimnis der Universität“ eine einprägsame historische Beobachtung auf: Während in Preußen bei offiziellen Zeremonien des Königshauses der Universitätsrektor erst hinter dem jüngsten Brigadegeneral in den Saal trat, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image alignfull size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="572" src="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_prot_charakter-1024x572.jpg" alt="" class="wp-image-2649" srcset="https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_prot_charakter-1024x572.jpg 1024w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_prot_charakter-300x168.jpg 300w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_prot_charakter-768x429.jpg 768w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_prot_charakter.jpg 1185w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Blick auf den Altar im Paulinum in Leipzig │ UAL</figcaption></figure>



<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-drop-cap has-small-font-size">Die Universität Leipzig nahm im sächsischen Königreich eine herausragende Stellung ein. Zur Illustration dieser Rolle rief der Rechtshistoriker Eugen Rosenstock-Huessy (1888–1973) während einer 1950 gehaltenen Rede über „Das Geheimnis der Universität“ eine einprägsame historische Beobachtung auf: Während in Preußen bei offiziellen Zeremonien des Königshauses der Universitätsrektor erst hinter dem jüngsten Brigadegeneral in den Saal trat, folgte in Kursachsen „der Rector magnificus […] gleich hinter den Prinzen des königlichen Hauses“.<a id="a1" href="#f1"><sup>[1]</sup></a> </p>



<p class="has-small-font-size">Die weitgehende Eigenständigkeit der Universität beruhte seit der Durchsetzungsphase der Reformation auch auf ihrem protestantisch-lutherischen Selbstverständnis. Nach der Einführung des Protestantismus als Landesreligion 1539 wurde die Universität Leipzig zur institutionellen Stütze der geistigen Erneuerung. Unter Herzog Moritz (1521–1553) erfuhr sie erhebliche Geldzuwendungen, was sie zu einer der am besten ausgestatten Hochschulen ihrer Zeit werden ließ. Hinzu kam die Übertragung städtischen Grundbesitzes, darunter die Gebäude des ehemaligen Dominikanerklosters mitsamt der gotischen Kirche St. Pauli, die von der Universität in der Folge als Collegium Paulinum genutzt wurde. <strong>(Bild 1)</strong> Auch durch den Besitz mehrerer abgabenpflichtiger Dörfer nahm die Universität einen mit adligen Landbesitzern vergleichbaren Status ein und war durch ihren Rektor im Landtag vertreten.<a id="a2" href="#f2"><sup>[2]</sup></a> Mit der Unterstützung durch die sächsische Krone stieg der Einfluss des Landesherren auf die vormals in vielen Bereichen von der Fürstenherrschaft unabhängige Bildungseinrichtung.<a id="a3" href="#f3"><sup>[3]</sup></a></p>



<p class="has-small-font-size">Als Ende des 17. Jahrhunderts Kurfürst Friedrich August I. zum katholischen Glauben wechselte, um damit eine Voraussetzung für die angestrebte Wahl zum polnischen König zu erfüllen, etablierte er einen religiösen Gegensatz zwischen dem Königshaus und den protestantischen Ständen im sächsischen Stammland. Für die Universität verband sich fortan die Ausübung ihrer Standesrechte mit der Wahrung ihres protestantischen Charakters. Im Zuge der Verfassungsreform von 1831 wurde die Universität zwar stärker in das moderne konstitutionelle Staatswesen eingebunden und verlor einen Teil ihrer ständischen Privilegien. Allerdings blieb der konfessionelle Aspekt davon unberührt, ja wurde eher noch stärker hervorgehoben. <strong>(Galerie 1)</strong></p>



<p class="has-small-font-size">Auch die im Vormärz und während der Revolution von 1848/49 erkennbare Stärkung des bürgerliches Selbstverständnisses von Professoren und Studenten löste die religiösen Vorbehalte gegenüber Juden nicht auf.<a id="a4" href="#f4"><sup>[4]</sup></a> Zwar kam es allenthalben zu Liberalisierungen; so wurde etwa mit <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=2167">Isidor Kaim</a> (1817–1880) der erste Jude in Leipzig zum juristischen Staatsexamen zugelassen und konnte im Februar 1848 in der Stadt eine Kanzlei eröffnen. Doch blieben solche Entscheidungen immer außergewöhnlich, während gleichzeitig das christliche Glaubensbekenntnis als allgemein verbindliche Norm bestätigt wurde. Am 27. Dezember 1855 überreichte der sächsische König Johann dem Rektor der Universität, Otto Linné Erdmann (1804–1869), einem bekennenden Liberalen, der 1849 Gewehre an die Leipziger Studenten austeilen ließ, bei einer feierlichen Zeremonie die neu gestaltete Rektorkette. Die kostbare, mit 72 Rubinen und 13 Smaragden verzierte Goldschmiedearbeit trug eine Medaille mit dem eingelassenen Profilbild des Königs und verdeutlichte so die dynastische Verbindung von Universität und Herrscherhaus. In seiner Ansprache formulierte der Monarch den Auftrag der Landesuniversität. Diese solle „den Sinn für Recht und Sittlichkeit, für Treue gegen König und Gesetz, für echte Wissenschaftlichkeit und echte christliche Frömmigkeit in die Herzen des heranwachsenden Geschlechts einpflanzen; dann werden Sachsens Fürsten sie stets als einen der schönsten Juwele in ihrer Krone betrachten“.<a id="a5" href="#f5"><sup>[5]</sup></a> <strong>(Bild 2)</strong></p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Während es Juden in Dänemark, Belgien, der Schweiz und Frankreich schon im Laufe der ersten Hälfte des 19.&nbsp;Jahrhunderts möglich war, eine Professur zu erhalten, kämpfte in Leipzig der zu seiner Zeit wissenschaftlich anerkannte <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1437">Julius Fürst</a> um einen angemessenen Status als Hochschullehrer.<a id="a6" href="#f6"><sup>[6]</sup></a> Die Lehrbefugnis über den Weg einer regulären Habilitation blieb ihm aufgrund der protestantischen Statuten der Universität versperrt. Zum ersten jüdischen Hochschullehrer wurde er 1839 nur aufgrund einer Sondergenehmigung der Regierung ernannt.</p>



<p class="has-small-font-size">Im Zuge der Reichseinigung wurden die Werte der bürgerlichen Revolution nicht gänzlich zurückgedrängt, aber doch vom nationalen Patriotismus überlagert.<a id="a7" href="#f7"><sup>[7]</sup></a> Dies blieb nicht ohne integrativen Effekt, was die Frage unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse betraf. So sprach sich der Leipziger Universitätssenat 1871 in einer Debatte über das würdige Gedenken an die gefallenen Universitätsangehörigen des Krieges gegen Frankreich dafür aus, auch der Toten „fremder Confession und selbst fremder Religion“ zu gedenken.<a id="a8" href="#f8"><sup>[8]</sup></a> Die Universität entwickelte sich in den folgenden Jahren, getrieben von einer rasanten Modernisierung der Wirtschafts- und Sozialstruktur, zu einer Bildungseinrichtung mit Weltgeltung.<a id="a9" href="#f9"><sup>[9]</sup></a> Die Studentenzahlen und die rege Bautätigkeit ließen den wachsenden Stellenwert moderner Wissenschaft erkennen.<a id="a10" href="#f10"><sup>[10]</sup></a> Dieser rührte aus dem enormen Fachkräftebedarf der sich rasant industrialisierenden und urbanisierenden Gesellschaft und war zudem das Ergebnis der vorherrschenden bürgerlichen Bildungskultur. <strong>(Bild 3)</strong> In der Folge zog es auch viele ausländische Studierende nach Leipzig. Ihre Zahl stieg seit 1882 langsam, aber kontinuierlich; 1905 lag sie erstmals über 500 und wuchs bis 1911 auf 700 an.<a id="a11" href="#f11"><sup>[11]</sup></a> Viele waren Juden aus den an Sachsen angrenzenden Gebieten Österreich-Ungarns, eine andere große Gruppe jüdischer Studenten kam aus dem Ansiedlungsrayon, also den westlichen Gebieten des Russischen Reichs, in denen Juden der ständige Aufenthalt erlaubt war.<a id="a12" href="#f12"><sup>[12]</sup></a> Aber auch aus Westeuropa und Amerika zog es viele Studenten nach Leipzig.<sup><a id="a13" href="#f13">[13]</a></sup> <strong>(Diagramme 5 und 6)</strong></p>



<p class="has-small-font-size">Doch blieben jüdische Akademiker, insbesondere diejenigen, die an der Universität beruflich aufsteigen wollten, weiterhin benachteiligt. <strong>(Galerie 2)</strong> Wie auch an anderen Universitäten war der Taufdruck in Leipzig hoch und besonders der Weg zum Ordinarius blieb Juden verstellt.<a id="a14" href="#f14"><sup>[14]</sup></a> So erhielt der Pathologe Carl Weigert (1845–1904) zwar 1879 eine außerordentliche Professur am Lehrstuhl seines getauften Mentors Julius Cohnheim (1839–1884), wurde aber nach dessen Ableben aufgrund seines Religionsbekenntnisses als Nachfolger in der Leitung des Pathologischen Instituts übergangen. <strong>(Galerie 3)</strong></p>



<p class="has-small-font-size">Weigert ging 1885 nach Frankfurt am Main und leitete hier als ordentlicher Professor das Pathologisch-Anatomische Institut. Es finden sich noch eine Reihe ähnlicher Beispiele. Bis zum Beginn der Weimarer Republik war das Erreichen einer ordentlichen Professur für Juden an der Leipziger Universität faktisch unmöglich.<a id="a15" href="#f15"><sup>[15]</sup></a><br></p>
</div>
</div>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide"/>



<p><a id="f1" href="#a1"><sup>[1]</sup></a> Eugen Rosenstock-Huessy, Das Geheimnis der Universität, in: Ders., Das Geheimnis der Universität. Wider den Verfall von Zeit, Sinn und Sprachkraft. Aufsätze und Reden aus den Jahren 1950–57, Stuttgart 1958, 17–34, hier 19; hier zit. n. Stephan Wendehorst, Eine jüdische Geschichte der Universität Leipzig. Konzeption, Umsetzung, Perspektiven, in: Ders. (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, Leipzig 2006, 11–37, hier 30.</p>
<p><a id="f2" href="#a2"><sup>[2]</sup></a>&nbsp;Konrad Krause, Alma mater Lipsiensis. Geschichte der Universität Leipzig von 1409 bis zur Gegenwart, Leipzig 2003, 56.</p>
<p><a id="f3" href="#a3"><sup>[3]</sup></a> Jens Blecher, Hoch geehrt und viel getadelt. Die Leipziger Universitätsrektoren und ihr Amt bis 1933, in: Franz Häuser (Hg.), Die Leipziger Rektoratsreden 1871–1933 Bd. 1, Berlin/New York 2009, 7–36, hier 19.</p>
<p><a id="f4" href="#a4"><sup>[4]</sup></a>&nbsp;Hartmut Zwahr, Im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft. Von der Universitätsreform bis zur Reichsgründung 1830/31–1871, in: Hartmut Zwahr/Jens Blecher (Hgg.), Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Bd. 2, Leipzig 2010, 19–547, hier 393.</p>
<p><a id="f5" href="#a5"><sup>[5]</sup></a> Hier zit. n. Zwahr, Im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft, 417.</p>
<p><a id="f6" href="#a6"><sup>[6]</sup></a> Als erster jüdischer Professor in Deutschland wurde 1859 der Göttinger Mathematiker Moritz Stern (1807–1894) berufen. Vgl. Monika Richarz, Der Eintritt der Juden in die akademischen Berufe, Tübingen 1974, 206.</p>
<p><a id="f7" href="#a7"><sup>[7]</sup></a> Ebd., 538–547.</p>
<p><a id="f8" href="#a8"><sup>[8]</sup></a> Bericht des Senats vom 27. Oktober 1871, hier zit. n. ebd., 542.</p>
<p><a id="f9" href="#a9"><sup>[9]</sup></a> Vgl. Jens Blecher, Landesuniversität mit Weltgeltung. Die Alma mater Lipsiensis zwischen Reichsgründung und Fünfhundertjahrfeier 1871–1909, in: Hartmut Zwahr/Jens Blecher (Hgg.), Das neunzehnte Jahrhundert 1830/31–1909, Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Bd. 2, Leipzig 2010, 553–838, hier 553–573.</p>
<p><a id="f10" href="#a10"><sup>[10]</sup></a> Zu den Neubauten gehörten das Zoologische Institut (1880), das Pharmakologische Institut (1888), das Phyikalisch-Chemische Institut (1897), das Physikalische Institut (1903), das Institut für Angewandte Chemie (1906) und das Hygienische Institut (1907) u.a.m; vgl. Blecher, Landesuniversität mit Weltgeltung, 560–561. Für einen Einblick in die vielfältigen Modernisierungserscheinungen der Zeit in Sachsen vgl. Karlheinz Blaschke, Grundzüge sächsischer Geschichte zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg, in: Simone Lässig/Karl Heinrich Pohl (Hgg.), Sachsen im Kaiserreich. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Umbruch, Weimar u.a. 1997, 11–26.</p>
<p><a id="f11" href="#a11"><sup>[11]</sup></a> Blecher, Landesuniversität mit Weltgeltung, 755.</p>
<p><a id="f12" href="#a12"><sup>[12]</sup></a> Yvonne Kleinmann, ‚Ausländer‘–‚Russen‘–‚Sozialisten‘. Jüdische Studenten aus dem östlichen Europa in Leipzig, 1880–1914, in: Wendehorst, Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, 517–540, hier bes. 525.</p>
<p><a id="f13" href="#a13"><sup>[13]</sup></a> Zwischen 1850 und 1914 studierten 1.655 akademische Besucher aus den Vereinigten Staaten in Leipzig. Vgl. Anja Becker/Tobias Brinkmann, Transatlantische Bildungsmigration. Amerikanisch-jüdische Studenten an der Universität Leipzig 1872 bis 1914, in: Wendehorst, Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, 61–98, hier 63.</p>
<p><a id="f14" href="#a14"><sup>[14]</sup></a> Trude Maurer, Art. Universitäten, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 6, Stuttgart 2015, 223–228, hier bes. 226; vgl. auch Notker Hammerstein, Jüdische Professoren an deutschen Universitäten, in: Renate Heuer/Ralph-Rainer Wuthenow (Hgg.), Konfrontation und Koexistenz. Zur Geschichte des deutschen Judentums, Frankfurt am Main 1996, 160–176, hier 167.</p>
<p><a id="f15" href="#a15"><sup>[15]</sup></a>&nbsp; Wendehorst,&nbsp;Eine jüdische Geschichte der Universität Leipzig, 16.</p>



<p class="has-background" style="background-color:#f6f6f6"><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=315">Bildung und Verbürgerlichung</a>&lt;&lt; >><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=2037">Jura</a></p>
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		<title>Jura</title>
		<link>https://gelehrte.dubnow.de/jura/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Oct 2018 07:18:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Frühjahr 1848 erreichten die Ausläufer der französischen Februarrevolution Sachsen. Im Zuge der Ereignisse sah sich König Friedrich August II. (1797–1854) zur Einsetzung einer liberalen Regierung gezwungen, die schnell versuchte, grundlegende Forderungen, etwa nach Versammlungs- und Pressefreiheit durchzusetzen und feudale Vorrechte abzubauen.]]></description>
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<figure class="wp-block-image alignfull size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="612" height="337" src="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/05/titelbild_jura.jpg" alt="" class="wp-image-3634" srcset="https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/05/titelbild_jura.jpg 612w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/05/titelbild_jura-300x165.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 612px) 100vw, 612px" /><figcaption class="wp-element-caption">Collegicum Juridicum │ UAL</figcaption></figure>



<p class="has-very-dark-gray-color has-text-color"><strong>JÜDISCHE JURISTEN AN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG</strong></p>



<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-drop-cap has-small-font-size">Im Frühjahr 1848 erreichten die Ausläufer der französischen Februarrevolution Sachsen. Im Zuge der Ereignisse sah sich König Friedrich August II. (1797–1854) zur Einsetzung einer liberalen Regierung gezwungen, die schnell versuchte, grundlegende Forderungen – etwa nach Versammlungs- und Pressefreiheit – durchzusetzen und feudale Vorrechte abzubauen. Auch die Abschaffung der Handelsbeschränkungen für Juden stand auf der Tagesordnung. Doch zeigten sich diesbezüglich sogar Liberale und Demokraten zunächst zurückhaltend, weil sie den antijüdischen Aufruhr christlicher Gewerbetreibender fürchteten. Selbst die als fortschrittlich geltenden Stadtverordneten in der Handelsmetropole Leipzig konnten sich nicht dazu entschließen, für die Unabhängigkeit staatsbürgerlicher Rechte vom Glauben einzutreten.<a id="a1" href="#f1"><sup>[1]</sup></a> Gefordert wurde die rechtliche Gleichstellung nicht nur von den jüdischen Händlern der Messestadt, auch zwei in der Stadt bekannte Gelehrte traten auf Versammlungen und mittels Petitionen dafür ein.<em> </em>Der eine, <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1437">Julius Fürst</a> (1805–1873), war seit 1839 der erste jüdische Hochschullehrer an der Leipziger Universität. Der zweite, <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=2167">Isidor&nbsp;Kaim</a>&nbsp;(1817–1873), war der erste Jude, der an der Landesuniversität in Leipzig das Jurastudium mit dem Staatsexamen abgeschlossen hatte und seit Februar 1848 als erster jüdischer Anwalt in Sachsen tätig war. <strong>(Bild 1)</strong></p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Wie Fürst schien auch&nbsp;Kaim&nbsp;auf dem Weg sozialer Anerkennung und beruflichen Erfolgs stetig voranzuschreiten. Beide setzten auf akademische&nbsp;Bildung&nbsp;und bürgerschaftliches Engagement. Der Orientalist Fürst&nbsp;erarbeitete sich&nbsp;als&nbsp;<em>Lector&nbsp;publicus</em>&nbsp;für aramäische und talmudische Sprachen&nbsp;sowie als wissenschaftlicher Autor&nbsp;über die Grenzen des Landes hinaus&nbsp;Anerkennung.&nbsp;Am Ende seines Schaffens&nbsp;in einer etablierten, gleichwohl randständigen akademischen Disziplin erhielt er&nbsp;Ehrentitel und&nbsp;Orden. Nach seinem Tod wurde er als verdienter Bürger&nbsp;der Stadt&nbsp;in einem dazumal aufsehenerregenden interkonfessionellen Festakt zu Grabe getragen.&nbsp;</p>



<p class="has-small-font-size">Hingegen blieb das Ableben von <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=2167">Isidor&nbsp;Kaim</a>&nbsp;nahezu unbemerkt.&nbsp;Er starb&nbsp;nach langer Krankheit&nbsp;vereinsamt und arm&nbsp;1873 in Dresden-Lockwitz.<a id="a2" href="#f2"><sup>[2]</sup></a> Kaims&nbsp;Tod&nbsp;war&nbsp;ein&nbsp;schicksalsschwerer&nbsp;Abstieg vorausgegangen. Schon bald nach seiner Zulassung als Anwalt geriet er selbst ins Visier der Gerichtsbarkeit. Aufgrund von Betrugsvorwürfen wurde er verhaftet und&nbsp;zu einem mehrjährigen Zwangsaufenthalt in einem Arbeitshaus verurteilt. Kaim verlor seine&nbsp;Kanzlei und die Anwaltszulassung. Damit scheiterte er&nbsp;im juristischen Berufsfeld,&nbsp;das&nbsp;als Staatstätigkeit&nbsp;galt&nbsp;und&nbsp;im protestantischen Sachsen vehement gegen&nbsp;das jüdische Teilhabebegehren abgeschirmt wurde.&nbsp;</p>
</div>
</div>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<p class="has-very-dark-gray-color has-text-color"><strong>DRANG ZUM RECHT</strong></p>



<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Von den knapp 4.000 Studenten mit jüdischer Religionszugehörigkeit, die an der Universität Leipzig zwischen 1798 bis 1909 immatrikuliert waren, wählten 1.714 Jura als ihr Studienfach. <strong>(Diagrammm 7)</strong> Diese starke Hinwendung zum Recht, die sich an vielen deutschsprachigen Universitäten abzeichnete, lässt sich auf zwei allgemeine Entwicklungen zurückführen. Zum einen ereigneten sich die zeitgenössischen Schritte zur Emanzipation der Juden selbst, etwa die Habsburger Toleranzpatente Ende des 18. Jahrhunderts, später der Code Napoleon sowie das preußische Judenedikt von 1812, in der Rechtssphäre. Zum anderen transformierte sich die vormalige Bedeutung des jüdischen Religionsrechts im Zuge fortschreitender Integration in ein zunehmendes Interesse an weltlicher Rechts- und Gesetzeskunde.<a id="a3" href="#f3"><sup>[3]</sup></a> Nicht zufällig gehörten zur ersten Generation jüdischer Juristen häufig Söhne aus Rabbinerfamilien, wie Heinrich Marx (1777–1838), der Vater von Karl Marx, oder Gabriel Riesser (1806–1863), der als Vorkämpfer für bürgerliche Freiheiten und die rechtliche Gleichstellung der Juden bekannt wurde.<sup><a id="a4" href="#f4">[4]</a></sup> Während Riesser nach langem Kampf in Hamburg Notar werden konnte, musste Marx konvertieren, um als Jurist im preußischen Trier arbeiten zu können. Umso mehr zeigte ein solcher Schritt, dass der juristische Beruf als Eintritt in die bürgerliche Umgebungskultur angestrebt wurde.</p>



<p class="has-small-font-size">An der Universität Leipzig finden sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts einige Jurastudenten, die erst kurz zuvor den Glauben gewechselt hatten oder dies im Verlauf ihres Studiums taten. Als sich 1828 Robert Lippert (1810–?), jüngstes von sieben Kindern des erfolgreichen Kaufmanns und sächsischen Hofagenten Herz Löw Levi, in die Leipziger Juristenfakultät einschrieb, gab er noch die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde zu Protokoll und war damit der erste jüdische Jurastudent an der Leipziger Universität. <strong>(Bild 2) </strong>Seinen Nachnamen Levi hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits geändert. Angesichts des bevorstehenden juristischen Vorbereitungsdienstes, einer praktischen Ausbildungsphase vor dem Zweiten Staatsexamen, ließ sich Robert Lippert 1831 taufen.<a id="a5" href="#f5"><sup>[5]</sup></a></p>



<p class="has-small-font-size">Im Unterschied zu seinen Vorgängern konvertierte <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=2167">Isidor Kaim</a> nach seiner Einschreibung 1838 nicht.<a id="a6" href="#f6"><sup>[6]</sup></a> Vielmehr stritt er als Jude für die Aneignung des Rechts. Seine juristische Ausbildung wurde dabei zum Kampffeld für die persönliche und allgemeine rechtliche Gleichstellung der Juden. Als ihm nach Staatsexamen und Vorbereitungsdienst 1844 die Zulassung zum Notar und ein Jahr später auch zum Anwalt verweigert wurde, unter anderem mit Verweis auf eine mittelalterliche Notariatsordnung, die nur Christen zum Amtserwerb legitimierte, petitionierte er an den Landtag und brachte sein Anliegen bei einer öffentlichen Audienz beim sächsischen König vor.<a id="a7" href="#f7"><sup>[7]</sup></a></p>



<p class="has-small-font-size">Zudem publizierte Kaim politisch-historische Studien zum Stand der Judenemanzipation, schrieb in der von <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1437">Julius Fürst</a> herausgegebenen Zeitschrift <em>Der Orient</em> sowie in der Tagespresse und forderte auch als Redner des Vaterlandsvereins die Gleichberechtigung für Juden im Staatswesen.<a id="a8" href="#f8"><sup>[8]</sup></a></p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Im <a href="http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3237293" data-type="URL" data-id="http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3237293" target="_blank" rel="noreferrer noopener">November 1845</a>&nbsp;erhielt er&nbsp;die ministerielle Erlaubnis&nbsp;zum Anwaltsberuf&nbsp;und eröffnete nach einer obligatorischen Kandidatenzeit im&nbsp;Februar 1848 als erster jüdischer Anwalt Sachsens seine Kanzlei am Leipziger Brühl.<sup><a id="a9" href="#f9">[9]</a></sup> </p>



<p class="has-small-font-size">Zunächst sah es so aus, als könne sich&nbsp;Kaim&nbsp;beruflich in Leipzig etablieren; er hatte eine Reihe vorwiegend christlicher Klienten, die er insbesondere in Handelsstreitigkeiten vertrat. Doch schnell zeigten sich neue Schwierigkeiten. Dazu gehörte die Aberkennung der Vertretungsberechtigung in einem Scheidungsverfahren aufgrund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit.<a id="a10" href="#f10"><sup>[10]</sup></a> Als&nbsp;schwerwiegender erwies sich der&nbsp;Vorwurf der Veruntreuung von Wertpapieren, dem sich Kaim 1854 ausgesetzt&nbsp;sah. Er wurde verhaftet, zu einer mehrjährigen Arbeitshausstrafe verurteilt und verlor seine Anwalts- und Notariatserlaubnis. <strong>(Bild 3)</strong> Heute lässt sich nicht mehr feststellen, ob&nbsp;Kaim&nbsp;einer judenfeindlichen Intrige zum Opfer gefallen oder durch eigenes Fehlverhalten&nbsp;in seine&nbsp;missliche Situation&nbsp;geraten war.&nbsp;Fest steht&nbsp;hingegen, dass gegenüber jüdischen Juristen&nbsp;in Sachsen weiterhin&nbsp;große Vorbehalte&nbsp;existierten. Ihre Zulassung zum&nbsp;Anwalt oder Notar&nbsp;blieb&nbsp;eine Ausnahme.<a id="a11" href="#f11"><sup>[11]</sup></a> Richter, Staatsanwälte&nbsp;und Juraprofessoren&nbsp;jüdischen Glaubens gab es&nbsp;nicht. Hintergrund&nbsp;der&nbsp;Abschottungspraxis&nbsp;war&nbsp;die Auffassung eines besonders&nbsp;obrigkeitsnahen&nbsp;und sittlich bedeutsamen Charakters juristischer Berufe,&nbsp;für die&nbsp;deshalb das christliche Glaubensbekenntnis als obligatorisch galt.</p>



<p class="has-small-font-size">Auch&nbsp;mit&nbsp;der rechtlichen Gleichstellung durch die neue sächsische Verfassung vom 3. Dezember 1868&nbsp;änderte sich dies&nbsp;nicht grundlegend.&nbsp;Betrachtet man etwa die rund 2.000 verbeamteten Richter im Sachsen der Kaiserzeit und damit eine Position mit besonders hohem Ansehen innerhalb des Staatsapparats, so lassen sich unter ihnen nur zwei jüdische Juristen nachweisen. Exemplarisch für die fortdauernden Benachteiligungen ist der Fall von Johannes Lehmann. Im Archiv des sächsischen Justizministeriums findet sich eine Beschwerde von 1892, in der Lehmann sich darüber beklagt, dass all seine christlichen Kollegen, die mit ihm gemeinsam das Referendariat in Dresden begonnen hätten, bereits zu Richtern ernannt worden seien. Dem Schriftstück&nbsp;ist eine schriftliche Notiz von Lehmanns Vorgesetztem angeheftet. Darin heißt es: „Leider lässt sich im vorliegenden Fall nicht sagen,&nbsp;daß&nbsp;der Bittsteller in seiner Ausbildung und seinen Leistungen noch nicht so weit gediehen sei, um ihn mit Wahrnehmung einzelner richterlicher Geschäfte betrauen zu können. Er leistet mindestens dasselbe, wie andere christliche Referendare, welchen der Richtereid&nbsp;ertheilt&nbsp;wird.“<a id="a12" href="#f12"><sup>[12]</sup></a>&nbsp;</p>
</div>
</div>



<p class="has-very-dark-gray-color has-text-color"><strong>AN DER FAKULTÄT</strong></p>



<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Nach der Reichseinigung nahmen&nbsp;zunächst deutlich mehr jüdische Studierende das&nbsp;Jurastudium auf.<a id="a13" href="#f13"><sup>[13]</sup></a> Dieser Anstieg fiel mit der allgemeinen Blütezeit der Leipziger Universität und der wachsenden Zahl von Akademikern zusammen. Von 1872 bis 1878 war die&nbsp;hiesige&nbsp;Juristenfakultät stärker frequentiert als&nbsp;jene der Universitäten in Berlin und München.&nbsp;Das alte Collegium Juridicum&nbsp;wurde durch einen modernen Gründerzeitbau ersetzt, der im Oktober 1882 eröffnet wurde.<sup><a id="a14" href="#f14">[14]</a></sup> <strong>(Bild 4 und 5)</strong>&nbsp;Die meisten jüdischen Studenten, die aufgrund der gewachsenen Attraktivität juristischer Berufe, insbesondere nach der 1878 erfolgten gesetzlichen Freigabe des Anwaltsberufs, nach Leipzig zum Studium kamen, stammten nicht aus Sachsen, sondern aus anderen deutschen Ländern und dem Ausland.<a id="a15" href="#f15"><sup>[15]</sup></a>&nbsp;Die größte Gruppe kam aus Preußen, vor allem aus Schlesien und Posen und damit aus den&nbsp;Regionen&nbsp;Deutschlands mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil.&nbsp;Nach dem&nbsp;Einbruch der Studentenzahlen während des&nbsp;Ersten Weltkriegs wuchs ihre Zahl wieder;&nbsp;bis&nbsp;zum&nbsp;Anfang der 1920er Jahre stieg erneut&nbsp;auch der Anteil von&nbsp;ausländischen Studenten&nbsp;an der Juristenfakultät. Sie waren&nbsp;Angehörige der deutschen Minderheiten in südosteuropäischen Staaten oder kamen&nbsp;aus der Donaumonarchie und den Nachfolgestaaten des Russländischen Zarenreichs.<a id="a16" href="#f16"><sup>[16]</sup></a>&nbsp;Zu ihnen wurden aber auch&nbsp;Juden&nbsp;gezählt, die schon lange in Deutschland lebten,&nbsp;denen jedoch die Einbürgerung verweigert worden war. Dazu gehörte&nbsp;<a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=4279" data-type="URL" data-id="http://gelehrte.dubnow.de/?p=4279">Felicia&nbsp;Schulsinger</a>&nbsp;(1903–1976), die später die erste jüdische Anwältin in Leipzig werden sollte.&nbsp;Sie&nbsp;war&nbsp;1906 aus dem damals russländischen&nbsp;Łódź&nbsp;mit ihrer Familie&nbsp;in die Messestadt gekommen.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Die von ihr beantragte&nbsp;Einbürgerung&nbsp;wurde aufgrund&nbsp;eines fehlenden Nachweises über die abgelegte russische Staatsbürgerschaft abgelehnt. Ihr Abitur legte sie als Staatenlose ab und immatrikulierte sich&nbsp;im Sommersemester 1923 an der Juristenfakultät. <strong>(Bild 6)</strong> Sie war eine&nbsp;von&nbsp;40 jüdischen Studentinnen, die zwischen 1903 bis 1935 in Leipzig Jura studierten.<a id="a17" href="#f17"><sup>[17]</sup></a> </p>



<p class="has-small-font-size">In anderen Fächern&nbsp;war der Frauenanteil höher, was auf informelle Barrieren in den juristischen Berufen verweist. Der autoritative Charakter, der juristischen Tätigkeiten nicht selten anhing, korrespondierte mit dem vorherrschenden Geschlechterbild. Die&nbsp;für die Berufsausübung als notwendig erachteten Eigenschaften wie Sachlichkeit und Objektivität&nbsp;sah man&nbsp;eher bei Männern als bei Frauen ausgeprägt. Nicht als&nbsp;Frau&nbsp;sondern als&nbsp;Ausländerin&nbsp;verwehrte man Schulsinger zunächst das Referendariat. Nachdem sie 1928 endlich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, konnte sie ihre Ausbildung fortsetzen.<a id="a18" href="#f18"><sup>[18]</sup></a> Nach ihrer zweiten Staatsprüfung und ihrer Promotion 1932 in Leipzig eröffnete&nbsp;sie&nbsp;im Dezember&nbsp;des gleichen Jahres&nbsp;mit ihrer Kollegin Elisabeth&nbsp;Struckmann die&nbsp;gemeinsame Kanzlei&nbsp;in Leipzig.</p>



<p class="has-small-font-size">Schon wenige Wochen später musste sie in Folge der nationalsozialistischen Berufsverbote ihre juristische Laufbahn wieder aufgeben. Auch die meisten anderen jüdischen Jurastudenten brachen&nbsp;in den nächsten Monaten ihr&nbsp;Studium ab, weil es keine Aussichten auf eine berufliche Zukunft mehr bot. Als letzter jüdischer Student gilt Herbert Weinmann, der über München und Berlin nach Leipzig gekommen war und am 9. November&nbsp;1936 aus der Universität ausschied.<sup><a id="a19" href="#f19">[19]</a> </sup><strong>(Bild 7)</strong></p>
</div>
</div>



<p class="has-very-dark-gray-color has-text-color"><strong>DAS KONFESSIONELLE MOMENT</strong></p>



<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Eine ganze Reihe jüdischer Jurastudenten an der Universität Leipzig wurde später in der Öffentlichkeit bekannt. Zu ihnen gehörte Eugen Schiffer (1860–1954, in Leipzig 1878) <strong>(Bild 8 und 9) </strong>unter Philipp Scheidemann 1919 stellvertretender Ministerpräsident und danach zweimal für einige Monate Justizminister in der Weimarer Republik. Von 1898 bis 1899 hatte auch Max Alsberg (1877–1933) in Leipzig studiert. Bekannt wurde er vor allem als Strafverteidiger prominenter politischer Persönlichkeiten. So verteidigte er 1931 den Herausgeber der Weltbühne Carl von Ossietzky in einem Prozess gegen den Vorwurf des Landesverrats. <strong>(Bild 10 und 11)</strong></p>



<p class="has-small-font-size">Der erste an der Leipziger Juristenfakultät promovierte Jude war 1852 Theodor Wolf (1823–?).&nbsp;Von&nbsp;1844 bis 1847&nbsp;hatte er&nbsp;in Leipzig und Berlin&nbsp;studiert und war&nbsp;1849&nbsp;zum&nbsp;Notar&nbsp;berufen worden –&nbsp;ein&nbsp;Novum in Sachsen. <strong>(Bild 12)</strong> Aber erst, als&nbsp;er zum evangelisch-lutherischen Glauben konvertiert war – wenige Tage&nbsp;nach dem Tod des Vaters –, wurde er als Richter eingesetzt. Wolf beendete 1888 seine Laufbahn als Landesgerichtsdirektor in Zwickau und wurde mit dem Ritterkreuz Erster Klasse ausgezeichnet.<a id="a20" href="#f20"><sup>[20]</sup></a></p>



<p class="has-small-font-size">Nach der Reichseinigung stieg die Zahl&nbsp;der in Leipzig promovierenden&nbsp;Juristen&nbsp;an.&nbsp;Die Alma Mater zog viele Doktoranden an, die vorher nicht in Leipzig studiert hatten.&nbsp;Die&nbsp;Anforderungen für eine&nbsp;Promotion&nbsp;galten als vergleichsweise niedrig.<a id="a21" href="#f21"><sup>[21]</sup></a> Nichtsdestotrotz wurden einige der Promovenden erst später prominent. So wurde der Anwalt Eugen Fuchs (1856–1923;&nbsp;in Leipzig&nbsp;1874 und&nbsp;1883) von 1917 bis 1919&nbsp;Vorsitzender des&nbsp;Centralvereins <strong>(Bild 13 und 14)</strong><em> </em>und&nbsp;der Rechtspolitiker Oskar Cohn (1869–1934, in Leipzig 1892)&nbsp;war&nbsp;von 1912 bis 1918&nbsp;Reichstagsabgeordneter für SPD und USPD, 1919/20 Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und 1934&nbsp;Teilnehmer am Jüdischen Weltkongress.<a id="a22" href="#f22"><sup>[22]</sup></a> <strong>(Bild 15)</strong> </p>



<p class="has-small-font-size">Auffallend ist der signifikant höhere Anteil&nbsp;promovierter jüdischer Anwälte.&nbsp;Zwischen 1879 und 1929 hatten 58 Prozent der in Leipzig zugelassenen Anwälte einen Doktortitel; der Promotionsanteil bei den jüdischen Anwälten lag im Vergleich dazu bei 77 Prozent.<a id="a23" href="#f23"><sup>[23]</sup></a> Das Ungleichgewicht lässt sich als Ausdruck einer spezifischen Wettbewerbsstrategie deuten: Weiter bestehenden Vorbehalten gegenüber Juden wurde mit einem formal höheren Bildungsabschluss geantwortet. Das Zahlenverhältnis könnte aber auch ein Hinweis darauf sein, dass promovierte jüdische Juristen angesichts akademischer Barrieren in die freien Berufe wechselten. Denn nach wie vor war eine Karriere&nbsp;als Hochschullehrer an der Juristenfakultät schwierig.&nbsp;Das christliche Glaubensbekenntnis war Voraussetzung, um in Leipzig&nbsp;zum Professor&nbsp;berufen zu werden. So gelang es dem Staatsrechtler und Rechtsphilosophen Georg&nbsp;Jellinek (1851–1911)&nbsp;1889&nbsp;in Leipzig&nbsp;nicht, Professor zu werden, obwohl er Fürsprache u.a. vom bekannten Philosophen Wilhelm Windelband erfuhr.<a id="a24" href="#f24"><sup>[24]</sup></a> Sein Vater, der&nbsp;weitbekannte&nbsp;Prediger Adolf&nbsp;Jellinek (1820/21–1893), kommentierte die beruflichen Hindernisse seines Sohns mit der Feststellung, dass das „confessionelle&nbsp;Moment […] noch eine große Rolle bei der Verleihung von Professuren“<a id="a25" href="#f25"><sup>[25]</sup></a>&nbsp;gespielt habe. </p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Erst das protestantische Bekenntnis ermöglichte Akademikern, die einen jüdischen Familienhintergrund hatten, einen ungehinderten&nbsp;Aufstieg.&nbsp;Emil Friedberg&nbsp;(1837–1910), Sohn des 1824 zur evangelischen Kirche übergetretenen Adolf Friedberg, wurde&nbsp;1869&nbsp;auf eine&nbsp;ordentliche Professur&nbsp;für Kirchenrecht berufen. <strong>(Bild 16)</strong><em> </em>Mehrfach wurde er zum Dekan der Fakultät gewählt&nbsp;und&nbsp;wirkte von 1896 bis 1897 als Rektor&nbsp;der Universität. Er&nbsp;war&nbsp;Ehrenbürger der Stadt.<a id="a26" href="#f26"><sup>[26]</sup></a> Diese Anerkennung war&nbsp;vor allem&nbsp;die&nbsp;Folge seines Engagements im Kulturkampf zwischen Bismarck und der katholischen Kirche, in dem er rigoros für die Seite des Staates Partei ergriff.<a id="a27" href="#f27"><sup>[27]</sup></a> In der Tradition des Hegelschen Denkens galt dem protestantischen Kirchenrechtsprofessor der Staat als übergeordneter Träger der sittlichen Idee und objektiver Garant des Gemeinwohls. Trotz der darin angelegten staatsautoritären Tendenz war diese Geisteshaltung Ausdruck gesellschaftlicher Modernisierung, die sich faktisch gegen die informellen Einflüsse der Kirche im Staatapparat richtete. <strong>(Bild 17)</strong> Mit Sympathie berichtete&nbsp;deshalb&nbsp;die&nbsp;<em>Allgemeine Zeitung des&nbsp;Judenthums</em>&nbsp;im August 1873&nbsp;von einem beachtenswerten Votum&nbsp;zur&nbsp;rechtlichen&nbsp;Stellung der Juden, vor allem zur Befähigung&nbsp;jüdischer Richter. Emil Friedberg hatte aus Anlass der öffentlich abgehaltenen Prüfungen an der Universität erklärt, dass „<a rel="noreferrer noopener" href="http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3254837" data-type="URL" data-id="http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3254837" target="_blank">er es gesetzlich als gar nicht zweifelhaft halte, daß&nbsp;ein jüdischer Richter die Berechtigung haben müsse, den Christen Eide abzunehmen, da diese Berechtigung lediglich in der Richterqualifikation ruhe</a>“.<a id="a28" href="#f28"><sup>[28]</sup></a> Dies war eine Auffassung, die der Benachteiligung jüdischer Juristen&nbsp;entgegenstand.</p>



<p class="has-small-font-size">Zu den&nbsp;christlichen&nbsp;Rechtsgelehrten&nbsp;mit jüdischer Herkunft, die in Leipzig zu ordentlichen Professoren ernannt wurden, gehörte auch der Begründer der Versicherungswissenschaft und Experte im&nbsp;Handelsrecht Victor Ehrenberg (1851–1929). Ehrenberg, der&nbsp;schon in Leipzig studiert hatte, wurde hier 1911 zum Professor berufen und gab in den folgenden Jahren&nbsp;das achtbändige&nbsp;<em>Handbuch des gesamten Handelsrechts</em>&nbsp;heraus. Er&nbsp;galt als einer der angesehensten Vertreter seines Fachs.<a id="a29" href="#f29"><sup>[29]</sup></a> <strong>(Bild 18 und 19)</strong> Vor ihm hatte insbesondere Levin Goldschmidt (1829–1897) diese Disziplin geprägt, der 1866 in&nbsp;Heidelberg zum ordentlichen Professor berufen wurde. Vier Jahre später wurde er zum Richter am Bundes-Oberhandelsgericht in Leipzig, dem späteren Reichsgericht, ernannt.<a id="a30" href="#f30"><sup>[30]</sup></a><br>Auch deshalb galt&nbsp;das Handelsrecht&nbsp;als „Domäne jüdischer Juristen“.<a id="a31" href="#f31"><sup>[31]</sup></a> Es&nbsp;etablierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als neuer Teilbereich der Rechtswissenschaft. Seine Relevanz erwuchs aus der Angleichung der unterschiedlichen Rechtsverhältnisse in den deutschen Bundesstaaten nach der Reichseinigung&nbsp;sowie in Folge des&nbsp;steigenden nationalen&nbsp;und internationalen Waren- und Finanzverkehrs&nbsp;in dieser Phase kapitalistischer Globalisierung. Für akademische Aufsteiger bot die neue Teildisziplin berufliche Perspektiven.&nbsp;Doch nicht nur im Handelsrecht, sondern&nbsp;ebenso im bürgerlichen Recht, Zivilprozessrecht, Verwaltungsrecht und in der Rechtsgeschichte finden sich Karrierewege von&nbsp;Wissenschaftlern&nbsp;jüdischer Herkunft.<a id="a32" href="#f32"><sup>[32]</sup></a> </p>
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<p class="has-very-dark-gray-color has-text-color"><strong>DIFFERENZ UND ERZWUNGENE ANGLEICHUNG</strong></p>



<div class="wp-block-columns has-2-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Am Ende der Weimarer Republik sollten sich zwei Staatsrechtler mit jüdischer Herkunft, die in Leipzig zunächst als Kollegen zueinander gefunden hatten, in einem aufsehenerregenden Prozess gegenüberstehen. </p>



<p class="has-small-font-size"><a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1469">Erwin Jacobi</a>&nbsp;(1884–1965), seit 1920 Ordinarius für Öffentliches Recht in Leipzig, hatte&nbsp;1921 in Leipzig das Institut für Arbeitsrecht&nbsp;gegründet. <strong>(Bild 20)</strong><em> </em>Seine&nbsp;Haltung zu arbeitsrechtlichen Fragen war dabei stark vom Ideal einer&nbsp;mittelständischen Industrie- und Handelskultur geprägt und ging auf Erfahrungen zurück, die er als Sohn eines Warenhausbesitzers&nbsp;im sächsischen Zittau gemacht hatte.&nbsp;Große Kapitalverbände ebenso wie die Massengewerkschaften betrachtete er mit Distanz;<a id="a33" href="#f33"><sup>[33]</sup></a> Nichtsdestotrotz&nbsp;holte er Wissenschaftler mit abweichenden Positionen an sein Institut. Zu den Gästen gehörten unter anderen&nbsp;der Begründer des Tarifrechts Hugo&nbsp;Sinzheimer&nbsp; (1875–1945)&nbsp;und der&nbsp;in Leipzig habilitierte&nbsp;Rechtshistoriker&nbsp;<a href="https://www.dubnow.de/publikation/jahrbuch-des-simon-dubnow-instituts-simon-dubnow-institute-yearbook-14" data-type="URL" data-id="https://www.dubnow.de/publikation/jahrbuch-des-simon-dubnow-instituts-simon-dubnow-institute-yearbook-14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Eugen Rosenstock-Huessy</a> (1888–1973)&nbsp;– beide hatten 1921 in Frankfurt am Main die Akademie der Arbeit&nbsp;ins Leben gerufen.<a id="a34" href="#f34"><sup>[34]</sup></a> Mit Rosenstock-Huessy&nbsp;war Jacobi Zeit seines Lebens befreundet.&nbsp;Während&nbsp;jener allerdings&nbsp;Sympathien für die Oktoberrevolution und die Münchner Räterepublik zeigte, entwickelte&nbsp;Jacobi&nbsp;nach den&nbsp;Erfahrungen&nbsp;von Kriegsniederlage, Revolution und&nbsp;Terror durch&nbsp;rechtsradikale Freikorps eine stark ausgeprägte Sehnsucht nach staatlicher Ordnung. Exekutive Vollmachten müssten&nbsp;an Gesetze gebunden&nbsp;bleiben&nbsp;und Staatsmacht auf legitimer Volksvertretung beruhen&nbsp;– so eine seiner Grundpositionen.<a id="a35" href="#f35"><sup>[35]</sup></a> Mit seinen arbeitsrechtlichen und verfassungsrechtlichen Anschauungen gehörte Jacobi eher zum rechts-konservativen Meinungsspektrum in der Weimarer Republik.&nbsp;Allerdings befürwortete er die Anstrengungen zur Arbeiterbildung&nbsp;und&nbsp;engagierte sich persönlich an&nbsp;der Volkhochschule in Leipzig.<a id="a36" href="#f36"><sup>[36]</sup></a> </p>



<p class="has-small-font-size">Das verband ihn mit&nbsp;dem sozialdemokratischen Rechtswissenschaftler Hermann Heller (1891–1933), der&nbsp;1922 das Volksbildungsamt in Leipzig übernommen hatte und zu den Gründern der dortigen Volkshochschule gehörte. <strong>(Bild 21 und 22)</strong> Heller&nbsp;hatte seine in Leipzig&nbsp;begonnene Habilitation&nbsp;1920 in Kiel&nbsp;abgeschlossen.<a id="a37" href="#f37"><sup>[37]</sup></a> Hier engagierte er sich auch gemeinsam mit seinem akademischen Förderer, dem späteren Reichsjustizminister Gustav Radbruch, in der Volksbildung.<a id="a38" href="#f38"><sup>[38]</sup></a> Ihr&nbsp;pädagogisches&nbsp;Ziel bestand darin, Arbeiter, Handwerker und Bauern an die Wissensbestände der bürgerlichen Gesellschaft heranzuführen und im Gegenzug auch die Experten bürgerlicher Wissensbestände für soziale Problemstellungen zu sensibilisieren. Heller verteidigte die Weimarer Republik und prägte&nbsp;in seiner Schrift von 1930&nbsp;<em><a rel="noreferrer noopener" aria-label="Rechtsstaat oder Diktatur&nbsp; (öffnet in neuem Tab)" href="https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11127783_00003.html" target="_blank">Rechtsstaat oder Diktatur</a>&nbsp;</em>den Begriff des „sozialen Rechtsstaats“.<a id="a39" href="#f39"><sup>[39]</sup></a> Dieser müsse sowohl soziale Sicherheit und Chancengleichheit als auch die zivile Austragung politischer Interessenkonflikte in parlamentarischer Form garantieren.<a id="a40" href="#f40"><sup>[40]</sup></a></p>



<p class="has-small-font-size">Aufgrund seiner politischen&nbsp;Haltung&nbsp;und seiner Kritik am strukturellen Konservatismus der deutschen Universitäten blieben Hellers Versuche, in Leipzig zum Professor berufen zu werden, erfolglos. Die&nbsp;Mehrheit der&nbsp;Fakultät&nbsp;lehnte ihn ab und auch der ihn schätzende Dekan <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1469">Erwin Jacobi</a> berichtete 1926 gegenüber dem Sächsischen Volksbildungsamt, dass sich Heller gegen die Fakultätsmehrheit nicht als Professor durchsetzen lasse.<a href="http://gelehrte.dubnow.de/wp-admin/post.php?post=2037&amp;action=edit#f41"><a id="a41" href="#f41"><sup>[41]</sup></a> <strong>(Bild 23)</strong> </p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-small-font-size">Heller verließ Leipzig im Frühjahr 1926 und&nbsp;wurde später Professor in Berlin und Frankfurt/Main. Im <a href="https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/161707/" data-type="URL" data-id="https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/161707/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herbst 1932 </a>begegneten sich Jacobi und Heller am Staatsgerichtshof des Leipziger Reichsgerichts als Kontrahenten in einer der letzten verfassungspolitischen Kontroversen der ersten deutschen Demokratie. Heller klagte im Auftrag des preußischen Staatsministeriums und der Landtagsfraktionen von SPD und Zentrum gegen die vom Reichspräsidenten Paul Hindenburg unterzeichnete Notverordnung, die am 20. Juli 1932 zum Sturz der geschäftsführenden Regierung in Preußen, dem sogenannten Preußenschlag, geführt hatte. Die Einsetzung des amtierenden Reichskanzlers Franz von Papen zum Reichskommissar für Preußen war als notwendiger Schritt zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit begründet worden. Dagegen beriefen sich die gerichtlichen Vertreter der Reichsregierung, federführend Jacobis Kollege und Freund Carl Schmitt, auf bürgerkriegsähnliche Zustände angesichts gewaltsamer Ausschreitungen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Jacobi war als Befürworter einer starken Zentralgewalt und weitgehender Eingriffsbefugnisse des Staatsoberhaupts in die Landeshoheit zur juristischen Vertretung der Reichsregierung hinzugezogen worden.<a id="a42" href="#f42"><sup>[42]</sup></a> Demgegenüber kritisierte&nbsp;Heller mit&nbsp;einiger Weitsicht die Begründungen der Regierungsseite.&nbsp;Er benannte die&nbsp;NSDAP&nbsp;als Nutznießerin einer Schwächung parlamentarischer Befugnisse und warf der&nbsp;Verteidigung&nbsp;vor,&nbsp;in einer zweifelhaften Beziehung zur Reichsverfassung&nbsp;zu stehen.<a id="a43" href="#f43"><sup>[43]</sup></a> </p>



<p class="has-small-font-size">Nur wenige Monate danach sahen sich&nbsp;Jacobi und Heller in Folge der Machtübertragung an die Nationalsozialisten&nbsp;mit den Regelungen des Berufsbeamtengesetzes konfrontiert. Heller, dem aufgrund seiner deutlich antifaschistischen Grundhaltung politische Verfolgung drohte, entzog sich dieser im Verlauf einer Vortragsreise nach Großbritannien und nahm das Angebot einer Gastprofessur in Madrid an. Im November 1933, kurz nach seiner in Abwesenheit verfügten Entlassung als Professor in Frankfurt/Main, starb er in der spanischen Hauptstadt an einem Herzleiden.</p>



<p class="has-small-font-size">Jacobi wurde als „nichtarischer Beamter“ der Verbleib an der Universität verwehrt. Den Zwangsruhestand vor Augen,&nbsp;versuchte er&nbsp;noch&nbsp;die Ausnahmeregelungen zu beanspruchen, die&nbsp;vorerst für jüdische Teilnehmer des Ersten Weltkriegs und für langgediente Staatsbedienstete galten.&nbsp;In dieser Situation wandte sich Jacobi mit der Bitte um Unterstützung an Carl Schmitt. <strong>(Bild 24)</strong> In einem Brief&nbsp;an ihn&nbsp;machte er deutlich, dass er sich zu Unrecht dem Vorwurf nationaler Unzuverlässigkeit ausgesetzt sah.&nbsp;Schmitt antwortete schriftlich als Preußischer Staatsrat, zu dem er nur wenige Tage zuvor von Hermann Göring berufen worden war. Er&nbsp;bescheinigte Jacobi, sich im Rechtsstreit um die Absetzung der sozialdemokratischen Regierung Preußens, den Schmitt als „gefährlichen Kampf um die Beseitigung einer marxistischen Regierung“ bezeichnete, in einer Weise als national zuverlässig erwiesen zu haben, die jedem „altbewährten Beamten gleichstellt“ sei.<a id="a44" href="#f44"><sup>[44]</sup></a> Die Fürsprache&nbsp;blieb erfolglos. Im Oktober 1933 wurde Jacobi in den Zwangsruhestand verabschiedet.</p>
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<hr class="wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide"/>



<p class="has-small-font-size"><a id="f1" href="#a1"><sup>[1]</sup></a> Michael Schäbitz, Juden in Sachsen – Jüdische Sachsen? Emanzipation, Akkulturation und Integration 1700–1914, Hannover 2006, 189.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f2" href="#a2"><sup>[2]</sup></a> Nach Informationen von Hubert Lang starb Kaim am 1. September 1873; vgl. Hubert Lang, Zwischen allen Stühlen. Juristen jüdischer Herkunft in Leipzig (1848–1953), Kaufering 2014, 407. Im Widerspruch dazu führt Steffen Held an, indem er als letztes nachweisbares Lebenszeichen einen Eintrag Kaims im Berliner Adressbuch von 1877 als Besitzer einer „Firma für Garne, Woll- und Baumwollabfälle“ bezeichnet wurd; vgl. Steffen Held, Isidor Kaim, in: Jüdische Gemeinde Dresden (Hg.), Einst &amp; Jetzt, Dresden 2003, 146–147, hier 138.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f3" href="#a3"><sup>[3]</sup></a> Monika Richarz, Der Eintritt der Juden in die akademischen Berufe, Tübingen 1974, 178.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f4" href="#a4"><sup>[4]</sup></a> Eric Lindner, Gabriel Riesser. Der Advocat der Einheit, in: Sabine Freitag (Hg.), Die Achtundvierziger. Lebensbilder aus der deutschen Revolution, München 1998, 160–170; vgl. auch zur Attraktivität der Rechtswissenschaft für Juden aus Rabbinerfamilien auch Jerold S. Auerbach, Rabbis and Lawyers. The Journey from Thora to Constitution, Bloomington, Ind., 1990.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f5" href="#a5"><sup>[5]</sup></a> Später arbeitete er als Anwalt in Grimma, einer Kleinstadt in der Nähe von Leipzig, bevor er ins Russländische Zarenreich auswanderte und als Übersetzer Alexander Puschkins ins Deutsche wie auch als Mitinhaber eines Bucherverlags in Erscheinung trat. Lang, Zwischen allen Stühlen, 472–474.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f6" href="#a6"><sup>[6]</sup></a> Ebd., 407.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f7" href="#a7"><sup>[7]</sup></a> Ebd., 408; vgl. auch Held, Isidor Kaim, 138; Schäbitz, Juden in Sachsen – Jüdische Sachsen? 179–180.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f8" href="#a8"><sup>[8]</sup></a> Hubert Lang, Denn die große Frage läuft am Ende nur darauf hinaus, zu wissen, ob die Juden Menschen sind. Isidor Kaim. Der erste jüdische Advokat in Sachsen, <a rel="noreferrer noopener" href="http://hubertlang.de/anwaltsgeschichte/denn-die-grosse-frage-laeuft-am-ende-nur-darauf-hinaus-zu-wis%c2%adsen-ob-die-juden-menschen-sind" target="_blank">http://hubertlang.de/anwaltsgeschichte/denn-die-grosse-frage-laeuft-am-ende-nur-darauf-hinaus-zu-wis%c2%adsen-ob-die-juden-menschen-sind</a> (letzter Aufruf: 19.01.2022).</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f9" href="#a9"><sup>[9]</sup></a> Ebd.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f10" href="#a10"><sup>[10]</sup></a> Lang, Zwischen allen Stühlen, 103–104.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f11" href="#a11"><sup>[11]</sup></a> Am 3. September 1849 wurde mit Theodor Wolf (1823–?) der erste jüdische Notar in Sachsen ernannt, 1862 wurde Martin Drucker sen. (1834–1913) zweiter jüdischer Anwalt in Sachsen und ein Jahr danach erhielt Emil Lehmann, später Abgeordneter für die Fortschrittspartei in der 2. Kammer des Sächsischen Landtags, seine Zulassung.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f12" href="#a12"><sup>[12]</sup></a> Schäbitz, Juden in Sachsen – Jüdische Sachsen? 299. </p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f13" href="#a13"><sup>[13]</sup></a> Lang, Zwischen allen Stühlen, 884.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f14" href="#a14"><sup>[14]</sup></a> Bernd Rüdiger Kern, Rechtswissenschaft, in: Ulrich von Hehl u.a. (Hg.), Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Bd.&nbsp;4, Leipzig 2009, 103–147, hier bes. 120 und 126.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f15" href="#a15"><sup>[15]</sup></a> Lang, Zwischen allen Stühlen, 21–28.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f16" href="#a16"><sup>[16]</sup></a> Vgl. Ulrich von Hehl, In den Umbrüchen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Universität Leipzig vom Vorabend des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1909 bis 1945, in: Franz Häuser (Hg.), Geschichte der Universität Leipzig, 1409–2009, Bd. 3, Leipzig 2010, 17–329, hier 133.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f17" href="#a17"><sup>[17]</sup></a> Dies entsprach einem Anteil von 3,5 Prozent aller jüdischen Studenten in Leipzig; vgl. Lang, Zwischen allen Stühlen, 32.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f18" href="#a18"><sup>[18]</sup></a> Steffen Held, Art. Hart, Felicia (Dr. jur., geborene Schulsinger), <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/frauen/1000-jahre-leipzig-100-frauenportraets/detailseite-frauenportraets/projekt/hart-felicia-dr-jur-geborene-schulsinger" target="_blank">https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/fraue</a><a href="https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/frauen/1000-jahre-leipzig-100-frauenportraets/detailseite-frauenportraets/projekt/hart-felicia-dr-jur-geborene-schulsinger">n/1000-jahre-leipzig-100-frauenportraets/detailseite-frauenportraets/projekt/hart-felicia-dr-jur-geborene-schulsinger</a> (letzter Aufruf: 18.01.2022).</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f19" href="#a19"><sup>[19]</sup></a> Lang, Zwischen allen Stühlen, 34.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f20" href="#a20"><sup>[20]</sup></a> Ebd., 634–635. </p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f21" href="#a21"><sup>[21]</sup></a> Ebd., 39–40.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f22" href="#a22"><sup>[22]</sup></a> Ebd., 48.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f23" href="#a23"><sup>[23]</sup></a> Ebd., 37.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f24" href="#a24"><sup>[24]</sup></a> Martin J. Sattler, Georg Jellinek (1851–1911). Ein Leben für das öffentliche Recht, in: Helmut Heinrichs u.a. (Hg.), Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, München 1993, 355–368.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f25" href="#a25"><sup>[25]</sup></a> Vg<span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">l. Steffen Held, Jüdische Hochschullehrer und Studierende an der Leipziger Juristenfakultät. Institutionen und Akteure von der Weimarer Republik bis in die frühe DDR, in: Stephan Wendehorst (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, Leipzig 2006, 207–244, hier 209.</span></p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f26" href="#a26"><sup>[26]</sup></a> Christoph Link, Emil Friedberg (1837–1910). Kirchenrechtler der historischen Rechtsschule, ,Staatskantonis‘ und Mitstreiter im ,Kulturkampf‘, in: Heinrichs, Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, 283–300, hier bes. 285.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f27" href="#a27"><sup>[27]</sup></a> Link, Emil Friedberg (1837–1910), 290.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f28" href="#a28"><sup>[28]</sup></a> N.A., Aus Rußland, in: Allgemeine Zeitung des Judenthums 37 (1873), H. 34, 540–552, hier 552.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f29" href="#a29"><sup>[29]</sup></a> Peter Landau, Juristen jüdischer Herkunft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, in: Heinrichs, Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, 133–213, hier bes. 200.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f30" href="#a30"><sup>[30]</sup></a> Thomas Henne, ,Jüdische Juristen‘ am Reichsgericht und ihre Verbindungen zur Leipziger Juristenfakultät 1870–1945, in: Wendehorst (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, 189–206, hier bes. 193–196.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f31" href="#a31"><sup>[31]</sup></a> Landau, Juristen jüdischer Herkunft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, 200.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f32" href="#a32"><sup>[32]</sup></a> Vgl. Lang, Zwischen allen Stühlen, 51–61.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f33" href="#a33"><sup>[33]</sup></a> Martin Otto, Von der Eigenkirche zum volkseigenen Betrieb. Erwin Jacobi (1884–1965). Arbeits-, Staats- und Kirchenrecht zwischen Kaiserreich und DDR, Tübingen 2008, 412.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f34" href="#a34"><sup>[34]</sup></a> Ebd., 72.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f35" href="#a35"><sup>[35]</sup></a> Ebd., 47.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f36" href="#a36"><sup>[36]</sup></a> <span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">Held, Jüdische Hochschullehrer und Studierende an der Leipziger Juristenfakultät, 218.</span></p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f37" href="#a37"><sup>[37]</sup></a> Christoph Müller, Hermann Heller (1891–1933). Vom liberalen zum sozialen Rechtsstaat, in: Heinrichs, Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, 767–780.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f38" href="#a38"><sup>[38]</sup></a> Uwe Volkmann, Hermann Heller (1891–1933), in: Peter Häberle/Michael Kilian/Heinrich Wolff (Hgg.), Staatsrechter des 20. Jahrhunderts. Deutschland, Österreich, Schweiz, Berlin/Boston 2015, 393–408.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f39" href="#a39"><sup>[39]</sup></a> Hermann Heller, Rechtsstaat oder Diktatur? Tübingen 1930, 10.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f40" href="#a40"><sup>[40]</sup></a> Müller, Hermann Heller (1891–1933), 777.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f41" href="#a41"><sup>[41]</sup></a> <span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">Held, Jüdische Hochschullehrer und Studierende an der Leipziger Juristenfakultät, </span>220–221.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f42" href="#a42"><sup>[42]</sup></a> Ebd., 223.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f43" href="#a43"><sup>[43]</sup></a> Müller, Hermann Heller (1891–1933), 771.</p>



<p class="has-small-font-size"><a id="f44" href="#a44"><sup>[44]</sup></a> Hier zit. n. Held, Jüdische Hochschullehrer und Studierende an der Leipziger Juristenfakultät, 228.</p>



<p><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=319">Protestantische Landesuniversität Leipzig</a>&lt;&lt; >><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=265">Medizin</a></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Medizin</title>
		<link>https://gelehrte.dubnow.de/bio-8/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Jan 2018 18:53:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel]]></category>
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					<description><![CDATA[Noch im 18. Jahrhundert bot das Studium der Medizin die einzige für Juden wählbare akademische Ausbildung.[1] Mit Verbreitung der jüdischen Aufklärung (Haskala) im deutschsprachigen Raum wurden in jüdischen Gemeinden bevorzugt Mediziner angestellt, die an Universitäten diplomiert hatten. Der Beruf des Arztes sicherte in der Regel einen hohen Verdienst und einen entsprechenden sozialen Status; häufig wurden [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image alignfull size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="543" src="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_medizin-1024x543.jpg" alt="" class="wp-image-2651" srcset="https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_medizin-1024x543.jpg 1024w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_medizin-300x159.jpg 300w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_medizin-768x407.jpg 768w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/02/titelbild_medizin.jpg 1520w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Zeichnung des Physiologischen Instituts in Leipzig (1869) │ gemeinfrei</figcaption></figure>



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<p class="has-drop-cap">Noch im 18. Jahrhundert bot das Studium der Medizin die einzige für Juden wählbare akademische Ausbildung.<a id="a1" href="#f1"><sup>[1]</sup></a> Mit Verbreitung der jüdischen Aufklärung (Haskala) im deutschsprachigen Raum wurden in jüdischen Gemeinden bevorzugt Mediziner angestellt, die an Universitäten diplomiert hatten. Der Beruf des Arztes sicherte in der Regel einen hohen Verdienst und einen entsprechenden sozialen Status; häufig wurden die Gemeindeärzte zu Gemeindevorstehern gewählt. Die Patienten kamen in der Regel aus der Gemeinde. Am Ende des 18. Jahrhunderts schenkten in Folge sich ausbreitender Vernunftkriterien und wachsender religiöser Toleranz auch immer mehr christliche Patienten jüdischen Ärzten ihr Vertrauen. Insbesondere in Großstädten nahm jetzt die Zahl jüdischer Arztpraxen zu. Somit versprach das Studium der Medizin nicht mehr nur berufliches Auskommen und soziales Prestige innerhalb der jüdischen Gemeinden. Vielmehr wurde der Arztberuf zu einer Möglichkeit, gesellschaftliche Integration durch akademische Bildung und beruflichen Erfolg zu erreichen.<a id="a2" href="#f2"><sup>[2]</sup></a> </p>



<p>An der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig erlangte 1784 Salomon Hirsch Burgheim (1754–1823) den Titel „Doktor der Medizin“.<a id="a3" href="#f3"><sup>[3]</sup></a> <strong>(Bild 1)</strong> Burgheim ist wahrscheinlich der erste gläubige Jude, der in Leipzig promovieren konnte. <strong>(Galerie 1)</strong> Allerdings scheint sein nachfolgender Versuch, sich in Leipzig als Arzt zu etablieren, nicht erfolgreich gewesen zu sein. Burgheim hatte Probleme, die für das Examen angefallenen Gebühren zu entrichten, und konnte zudem die hohe Kopfsteuer für Juden nicht bezahlen. In den Verhandlungen des Stadtrats, der Universität und des Kurfürsten, ob Burgheim als städtischer Jude oder zum wesentlich geringeren Steuersatz eines Universitätsangehörigen veranschlagt werden solle, wurden die Einnahmequellen Burgheims bekannt: Er lebte von spärlichen Honoraren erkrankter Berliner Glaubensgenossen, die Leipzig zur Messezeit besuchten, und von einer mit der Gemeinde ausgehandelten Pauschale für die Betreuung armer Juden. Nicht nur christliche Patienten, sondern auch die wohlhabenderen Juden der Messestadt schienen andere Ärzte bevorzugt zu haben, darunter den 1789 ebenfalls in Leipzig promovierten jüdischen Arzt Ephraim Moses Levi (1757–1803).<a id="a4" href="#f4"><sup>[4]</sup></a> <strong>(Galerie 2)</strong> </p>



<p>Dass der Arztberuf die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs und der bürgerlichen Integration bot, zeigt sich exemplarisch an der Biografie von <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1439">Bernhard Hirschel</a> (1815–1874).<a href="http://gelehrte.dubnow.de/wp-admin/post.php?post=265&amp;action=edit#f5"><a id="a5" href="#f5"><sup>[5]</sup></a> Hirschel gehörte zu den ersten Dresdner Juden, die von einem Privatlehrer in weltlichen Fächern unterrichtet wurden.<a href="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/01/galerie_levi_promotionsbuch.pdf"><br></a></p>
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<p>Später besuchte er das christliche Kreuzgymnasium. Nach seinem Abitur 1832 nahm er an der Chirurgisch-Medizinischen Akademie zu Dresden eine Fachausbildung auf, zwei Jahre später begann er in Leipzig mit dem Medizinstudium.<a id="a6" href="#f6"><sup>[6]</sup></a> Nach seiner Promotion 1838 war er in Dresden als Arzt und Medizinhistoriker tätig. <strong>(Bild 2) </strong>Er gehörte zu den seinerzeit europaweit bekannten Vertretern der Homöopathie und bekam für seine Tätigkeit in Sachsen den Titel eines „Sanitätsrats“ verliehen. </p>



<p>Sein Bildungsweg war kein Einzelfall. Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts studierten fast ein Drittel (28 Prozent) aller jüdischen Studenten an der Universität Leipzig das Fach Medizin. <strong>(Diagramm 8)</strong> Nur Jura war als Studienfach in Leipzig noch beliebter. Auch bei ausländischen Studenten, insbesondere bei Juden aus dem Zarenreich, war das Medizinstudium in Sachsen beliebt. Zunächst schrieben sie sich nur vereinzelt ein oder kamen als Gastwissenschaftler an die Medizinische Fakultät. Zu ihnen gehörte der spätere Schriftsteller und russische Staatsrat Elias von Cyon (1843–1912), der 1866 als Assistent an die von Carl Ludwig, dem Begründer der modernen Physiologie, geleitete und weltweit bekannte Physiologische Anstalt in Leipzig kam.<a id="a7" href="#f7"><sup>[7]</sup></a> <strong>(Bild 3)</strong></p>



<p>Mit Ludwig verfasste er einen Aufsatz über den Einfluss von Hirnnerven auf die inneren Organe.<a id="a8" href="#f8"><sup>[8]</sup></a> Später wurde von Cyon auf den Lehrstuhl für Anatomie und Physiologie nach St. Petersburg berufen, wirkte danach aber auch als Finanzberater für die russische Regierung. Er hatte Kontakte zu höchsten Staatskreisen in Frankreich und Deutschland und führte ein von diplomatischen Verwicklungen begleitetes Leben. Über solche namhaften Einzelfälle hinaus zog es vor allem um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vermehrt jüdische Akademiker aus dem Zarenreich nach Leipzig. Im Wintersemester 1912/13 studierten an der Leipziger Universität etwa 5.500 Studenten, davon waren 784 Ausländer,<a id="a9" href="#f9"><sup>[9]</sup></a> von denen wiederum 409 aus dem Zarenreich kamen. 75 Prozent der russländischen Studenten waren Juden, fast alle von ihnen waren an der Medizinischen Fakultät eingeschrieben.<a id="a10" href="#f10"><sup>[10]</sup></a> Der Zuwachs der Studenten aus Russland erfolgte zum einen aufgrund der Diskriminierung von Juden an den Bildungseinrichtungen im Zarenreich.<a id="a11" href="#f11"><sup>[11]</sup></a> Zum anderen gerieten in Folge der Revolution von 1905 politisch aktive Studenten aus Russland an den Universitäten im benachbarten Preußen vermehrt unter Druck und wichen nach Sachsen aus. <br></p>
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<p><strong>KARRIEREN MIT HINDERNISSEN</strong></p>



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<p>Der hohe Zulauf an die Medizinische Fakultät darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass für Juden Berufe im staatlichen Gesundheitssystem sowie der Weg zum Hochschullehrer keine Selbstverständlichkeiten waren. Beispielsweise gab es mit Wilhelm Lehmannbeer (1824–1882) bis zum Ersten Weltkrieg nur einen Berufsoffizier jüdischer Religion im Sanitätskorps des sächsischen Militärs. Von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg kam es in Sachsen wie auch beim Militär in Preußen nicht mehr zur Ernennung jüdischer Offiziere.<a id="a12" href="#f12"><sup>[12]</sup></a> Auch der Eintritt jüdischer Ärzte in kommunale Einrichtungen der medizinischen Fürsorge war vielfach unerwünscht. Als der Stadtrat in Chemnitz 1900 eine Assistenzstelle für das städtische Krankenhaus ausschrieb, mussten Bewerber ein Taufzeugnis vorweisen. Der Einspruch der jüdischen Gemeinde, diese Praxis verstoße gegen die in der Verfassung festgeschriebene Gleichbehandlung, wurde von der zuständigen Königlichen Kreishauptmannschaft Zwickau abgelehnt.<a id="a13" href="#f13"><sup>[13]</sup></a> Im gesamten Reich sorgten Vorbehalte gegen Juden dafür, dass Berufungen zum ordentlichen Professor in der Regel erst nach Konversion und langer Wartezeit erfolgten.<a id="a14" href="#f14"><sup>[14]</sup></a> Dies muss auch für die Universität Leipzig angenommen werden. So war der bedeutende Pathologe Julius Cohnheim (1839–1884) bereits konvertiert, als er 1878 in Leipzig eine ordentliche Professur antrat und zugleich die Leitung des Pathologischen Instituts übernahm.<strong> (Bild 4)</strong> Nach Cohnheims Tod wurde sein zwischenzeitlicher Vertreter Carl Weigert (1845–1904), der seit 1879 eine außerordentliche Professur am Lehrstuhl seines Mentors innehatte, nicht auf die Vorschlagsliste für die Nachfolge gesetzt.<a id="a15" href="#f15"><sup>[15]</sup></a></p>
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<p>Weigert, ein nicht-konvertierter Jude, ging von Leipzig nach Frankfurt am Main und wurde hier als ordentlicher Professor Leiter des Pathologisch-Anatomischen Instituts.<a id="a16" href="#f16"><sup>[16]</sup></a> <strong>(Galerie 3) </strong>Der ab 1923 in Leipzig als nichtplanmäßiger außerordentlicher Professor für Geburtshilfe und Frauenheilkunde lehrende Felix Otto Skutsch (1861–1951) hatte sich 1886 in Jena ebenfalls zur Konversion entschieden. Skutsch, geboren in Oberschlesien, besuchte in Breslau das Humanistische Gymnasium und begann dort das Medizinstudium. Als jüdischer Student kam er 1881 nach Leipzig. <strong>(Bild 5) </strong>Nach seiner Promotion an der Universität in Breslau ging er an die Universitäts-Frauenklinik nach Jena und stieg hier zum ersten Assistenten des Direktors und Lehrstuhlinhabers für Geburtshilfe und Gynäkologie, Bernhard Siegmund-Schulze, auf. Wahrscheinlich ließ er sich auch auf Anraten seines Vorgesetzten am 18. Dezember 1886 taufen. In der evangelischen Michaeliskirche in Jena wird Siegmund-Schulze als zweiter Taufzeuge aufgeführt. 1888 berief die Universität Jena Skutsch zum außerordentlichen Professor. Bei der Nachfolge seines Mentors als Ordinarius und Leiter der Frauenklinik wurde er allerdings ebenfalls übergangen. Aus Enttäuschung darüber verließ er 1903 Jena, habilitierte an die Leipziger Universität um und wirkte hier zunächst von 1905 bis zu seiner Berufung als Privatdozent und als Leiter einer Privatpraxis.<a id="a17" href="#f17"><sup>[17]</sup></a> <strong>(Bild 6) </strong>Die Nationalsozialisten entzogen ihm 1933 die Lehrbefugnis und deportieren ihn und seine Frau 1943 nach Theresienstadt. Während seine Frau dort starb, kehrte der hochbetagte Skutsch nach Leipzig zurück, baute hier den Lehrbetrieb für Frauenheilkunde wieder auf und wurde 1947 erneut zum Professor ernannt. <strong>(Bild 7)</strong></p>
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<p><strong>JENSEITS DES MEDIZINISCHEN ESTABLISHMENTS</strong></p>



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<p>Nichtsdestotrotz bestanden für jüdische Akademiker durch Ergreifen des Ärzteberufs immer noch die besten Berufsaussichten, da sie nicht nur an Universitätskliniken und in kommunalen Einrichtungen, sondern eben auch in privaten Praxen tätig werden konnten. In Leipzig arbeiteten am Ende der Weimarer Republik ca. 1.173 Ärzte, ca. 129 und damit etwa elf Prozent waren jüdisch.<a id="a18" href="#f18"><sup>[18]</sup></a> Zum Vergleich: 1907 waren sechs Prozent aller deutschen Ärzte Juden; 1925 waren es 15 Prozent.<a id="a19" href="#f19"><sup>[19]</sup></a> Bedenkt man den viel geringeren jüdischen Bevölkerungsanteil, so zeigt sich hier durchaus, wie attraktiv das Medizinstudium für Juden war.</p>



<p>Zudem boten die sich seit dem 19. Jahrhundert immer weiter ausdifferenzierenden Spezialgebiete der Medizin Karrieremöglichkeiten. Aus der Zweiteilung in Innere Medizin und Chirurgie, die lange Zeit vorherrschte, entwickelten sich damals Pädiatrie, Gynäkologie, Dermatologie, Orthopädie und weitere Teildisziplinen. Der Anteil jüdischer Ärzte in diesen neuen Fachbereichen war besonders hoch.<a id="a20" href="#f20"><sup>[20]</sup></a> Dies lag an einer größeren Offenheit jüdischer Akademiker gegenüber neuen wissenschaftlichen Entwicklungen der Zeit, die mehrere Ursachen hatte. So wird der Einfluss jüdischer Wissenschaftler auf die Erforschung von Haut- und insbesondere Geschlechtskrankheiten darauf zurückgeführt, dass Sexualität in der Tradition des Alten Testaments als integraler Teil des menschlichen Lebens thematisiert, in der christlichen Glaubenspraxis aber tabuisiert wurde. Die Behandlung von Geschlechtskrankheiten und die Erforschung der Sexualität stießen bei jüdischen Akademikern demgegenüber auf weniger religiöse Vorbehalte.<a id="a21" href="#f21"><sup>[21]</sup></a></p>



<p>In Leipzig wurde 1887 etwa der aus einer Köthener Kaufmannsfamilie stammende Ludwig Friedheim (1862–1942) Assistenzarzt an der Universitätshautklinik, wo er bereits Medizin studiert hatte. <strong>(Bild 8 und 9)</strong> In den Folgejahren beschäftigte er sich zunehmend mit der Behandlung von Geschlechtskrankheiten. 1893 folgte seine Habilitierung und zwei Jahre später bearbeitete er im erstmals erscheinenden <em>Diagnostisch-therapeutischen Vademecum für Studierende und Ärzte</em>, einem über Jahrzehnte immer wieder neu aufgelegten medizinischen Lehrbuch, das Kapitel über Haut- und Geschlechtskrankheiten. Letztmalig wird sein Name 1931, in der 25. Auflage, verzeichnet.<a id="a22" href="#f22"><sup>[22]</sup></a> Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit leitete Friedheim seit der Jahrhundertwende eine eigene Praxis und lehrte bis 1933 als Privatdozent an der Universität.<a id="a23" href="#f23"><sup>[23]</sup></a> <strong>(Galerie 4)</strong> </p>



<p>Ein weiterer Grund für den überproportionalen Anteil jüdischer Ärzte in den neuen medizinischen Fachdisziplinen geht auf die sich hier bietenden Berufsperspektiven zurück. Im Sog neuer Erkenntnisse entstanden neue Forschungsstellen und in der Folge moderne Behandlungsmethoden sowie Facharztpraxen. Auf diesen Berufsfeldern waren Konkurrenz und Besitzstandswahrung weniger ausgeprägt als in den herkömmlichen Fachbereichen.<a id="a24" href="#f24"><sup>[24]</sup></a> </p>



<p>An der Universität Leipzig finden sich einige Beispiele für die frühe jüdische Präsenz in den sich ausdifferenzierenden Fachbereichen der Medizin. So spezialisierte sich Livius Fürst (1840–1907), der Sohn des Orientalisten <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1437">Julius Fürst</a>, nach seiner medizinischen Promotion 1864 für Frauen- und Kinderheilkunde, als sich diese beiden Teilbereiche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerade etablierten.<strong> (Bild 10)</strong> Von 1865 bis 1986 leitete er dann die Universitätskinderklinik der Stadt.</p>
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<p>Fürst leistete sowohl im Krieg 1866 als auch 1870/71 Militärdienst und habilitierte sich im Gründungsjahr des Deutschen Reiches in Leipzig zum Privatdozenten. Für viele Jahre lehrte er an der Universität; zum ordentlichen Professor wurde er allerdings nie berufen. 1893 ging er nach Berlin und war hier weiter als praktischer Kinderarzt tätig.<a href="http://gelehrte.dubnow.de/wp-admin/post.php?post=265&amp;action=edit#f25"><a id="a25" href="#f25"><sup>[25]</sup></a></p>



<p>Noch in den 1920er und 1930er Jahren galt die Kinderheilkunde als medizinisches Randgebiet, das mit sozialmedizinischen Aufgaben und geringeren finanziellen Verdienstmöglichkeiten verbunden war.<a id="a26" href="#f26"><sup>[26]</sup></a> Immer mehr jüdische Medizinstudenten schienen diesen Vorteil der Marginalität des Fachs zu nutzen, um beruflich Fuß zu fassen.<a id="a27" href="#f27"><sup>[27]</sup></a> Zu ihnen gehörte der Kinderarzt Siegfried Rosenbaum (1890–1969), der nach seiner Promotion in Breslau 1922 an die Kinderklinik in Leipzig kam. Hier wurde er 1925 habilitiert und 1928 erster Oberarzt. Ein Jahr darauf berief ihn der Senat zum nichtplanmäßigen außerordentlichen Professor. Im Juli 1933 emigrierte der aktive Zionist nach Palästina, wo er sich am Aufbau der Kinderheilkunde beteiligte und später unter anderem als Mitglied des israelischen Wissenschaftsrats und Delegierter Israels in der World Medical Association tätig war. </p>



<p>In welchem Maße persönlicher Erfolg mit zeitgemäßen Entwicklungen verknüpft sein konnte, zeigt sich an den Karrieren von Isidor Bettmann (1866–1942) und Ernst Bettmann (1899–1988). Ersterer wuchs als zweites Kind in einer armen Kaufmannsfamilie in Geisa/Thüringen auf. Die Eltern ermöglichten ihm das Studium der Medizin in Berlin und Würzburg. Nach ersten beruflichen Stationen, unter anderem als Unfallchirurg in Berlin, ließ er sich 1897 als praktischer Arzt in der sächsischen Textilindustriestadt Crimmitschau nieder. Parallel zu seiner ärztlichen Tätigkeit veröffentlichte er Schriften zur medizinischen Vorsorge in der Textilproduktion. 1898 wechselte er nach Leipzig und wurde hier Mitinhaber einer chirurgischen und orthopädischen Heilanstalt. Solche Einrichtungen waren Ausdruck der zunehmenden Industrialisierung, mit der eine wachsende Zahl von Arbeitsunfällen und neue Krankheitsbilder einhergingen. Zudem ergab sich nach Einführung der Kranken- und Unfallversicherung die Notwendigkeit kassenärztlicher Begutachtung von Versicherungsansprüchen. Die nun vielfach entstehenden Heilanstalten boten Privatpatienten und staatlich Versicherten modernste medizinische Versorgung, etwa die Anwendung der Röntgendiagnostik und die Behandlung mithilfe von Bewegungs- und Massageapparaten.<a id="a28" href="#f28"><sup>[28]</sup></a> Beeinflusst vom Beruf seines Vaters entschied sich der 1899 geborene Ernst Bettmann für das Medizinstudium, spezialisierte sich auf Chirurgie und Orthopädie und promovierte 1923 in Leipzig.<strong> (Bild 11) </strong>Hier wurde er auch Assistenzarzt an der orthopädischen Universitätsklinik und habilitierte sich 1932 zum Privatdozenten. Eine weitere universitäre Karriere blieb ihm aufgrund der politischen Entwicklungen verwehrt. Er verlor seine Lehrbefugnis und arbeitete bis zu seiner Emigration in die Vereinigten Staaten in der Privatklinik seines Vaters. <strong>(Galerie 5)</strong></p>
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<p><strong>ANTISEMITISMUS AN DER MEDIZINISCHEN FAKULTÄT</strong></p>



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<p>Bereits 1912/13 zeugten Proteste gegen ausländische, vor allem ostjüdische Studierende von der Radikalität des Antisemitismus an deutschen Hochschulen.<a id="a29" href="#f29"><sup>[29]</sup></a> Die Unruhen entzündeten sich besonders an den Medizinischen Fakultäten, wobei es im sogenannten Klinikerstreit zunächst um den Zugang und die Studienbedingungen angesichts überfüllter Hörsäle und Laboratorien ging. Im Laufe der Politisierung wurde das Sachproblem der steigenden Anzahl von Studierwilligen aus dem In- und Ausland als eine Frage von nationaler Zugehörigkeit dargestellt.<a id="a30" href="#f30"><sup>[30]</sup></a> Demgegenüber begrüßten einige bekannte Professoren, etwa der Soziologe Max Weber und der Rechtswissenschaftler Gustav Radbruch, öffentlich die Anwesenheit ausländischer Studenten. Sie sahen darin gleichsam den Ausdruck universeller Wissenschaft, die nicht von den Barrieren sozialer Herkunft, Religion und Staatsbürgerschaft verstellt sein dürfe. Der Widerspruch gegen eine national bornierte Indienststellung der deutschen Universitäten kam in dem von Max Weber bekannt gewordenem Ausspruch zum Tragen, er wolle nur noch „Russen, Polen und Juden“ in seinem Seminar akzeptieren.<a id="a31" href="#f31"><sup>[31]</sup></a> </p>



<p>In Leipzig erreichten die Auseinandersetzungen nicht die Vehemenz, die beispielweise an der Universität Halle zu beobachten war. Hier verhinderten deutsche Medizinstudenten aus Protest gegen die Zulassung russischer Kommilitonen ein Semester lang den Vorlesungsbetrieb. Doch auch aus der im Sommersemester 1913 getroffenen Entscheidung des sächsischen Kultusministeriums und der Universitätsleitung sprach eine klare Sprache: Russische Staatsangehörige durften sich nur dann in Leipzig immatrikulieren, wenn sie bereits mindestens zwei Semester an einer russischen Hochschule studiert hatten.<strong> (Galerie 6)</strong> Aufgrund der im Russischen Reich geltenden universitären Zugangsbegrenzungen für Juden kam das dem Ausschluss russischer Juden an der Universität Leipzig gleich. Sechs Mitglieder der Medizinischen Fakultät erhoben deshalb gegen diesen Erlass ihre Stimme. In einem Protestschreiben an den Senat der Universität verwiesen sie auf die Leistungen jüdischer Forscher und die für den Fortschritt der Medizin notwendige Freizügigkeit der Wissenschaft. <strong>(Galerie 7 und Bild 12)</strong></p>



<p>Ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkriegs lancierten Marburger Medizinstudenten einen Aufruf gegen das Studium von „Ostjuden und Ausländern“ an den Verband Deutscher Medizinerschaften (VDM), einem Interessenverband aller reichsdeutschen Medizinstudenten, der von Leipziger Studenten geleitet wurde. Mit unterstützender Kommentierung wurde das Schreiben an die fachübergreifende Dachorganisation der Deutschen Studentenschaft weitergeleitet. Solidarisch vermerkte die Leipziger Leitung des VDM: „Millionen von Deutschen müssen auswandern, und Hundertausende von Ostjuden erhalten Erlaubnis, die deutsche Volksseele mit den nihilistischen Ideen asiatischer Fanatiker zu verpesten und das deutsche Volk auszupowern. Wir sind nicht gewillt, uns zu Mitschuldigen derjenigen Regierungskreise zu machen, die unser Vaterland zum Tummelplatz finsterer Existenzen werden lassen, indem sie rassenfremden und deutschfeindlichen Elementen die Grenze öffnen und Pässe zur Verfügung stellen.“<a href="http://gelehrte.dubnow.de/wp-admin/post.php?post=265&amp;action=edit#f32"><a id="a32" href="#f32"><sup>[32]</sup></a> Offensichtlich war der VDM zu diesem Zeitpunkt bereits von völkischer Paranoia durchdrungen.</p>



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<p>In den folgenden Jahren gingen neben den studentischen Korporationen von den Medizinstudenten die meisten antisemitischen Aktivitäten berufsständischer Gruppen in der Weimarer Republik aus.<a id="a33" href="#f33"><sup>[33]</sup></a></p>



<p>Unter Medizinstudenten verbreitete sich der Antisemitismus besonders stark, weil die Probleme im Gesundheitssystem der Weimarer Republik scheinbar auf die Präsenz jüdischer Ärzte zurückgeführt werden konnte. Viele der in der Mehrzahl aus wohlhabenden Elternhäusern stammenden Mediziner waren vom Wunsch getrieben, den sozialen Status ihrer Elternhäuser zu reproduzieren, was angesichts eines Überangebots von Ärzten bei gleichzeitig steigenden Studierendenzahlen schwierig schien. Enttäuschte und unsichere Zukunftserwartungen beförderten die Verbreitung der irrationalen Krisendiagnostik, welche Juden ihre nationale Zugehörigkeit absprach und sie zu den Schuldigen für Probleme in der Wirtschafts- und Sozialordnung erklärte.<a id="a34" href="#f34"><sup>[34]</sup></a> </p>



<p>Mit der Verbreitung eines völkischen Selbstverständnisses gerade auch in bürgerlichen Schichten wurde zudem die Medizin als Wissenschaft vom Organismus zu einem Kampffeld. Die antisemitische Propaganda erklärte den vermeintlich jüdischen Materialismus, der nur nach geldwerten Vorteilen strebe, wie auch den Rationalismus mit seinen Vernunftprinzipien zum Angriff auf ein organisch verstandenes Volkstum.<a id="a35" href="#f35"><sup>[35]</sup></a> </p>



<p>Vor diesem Hintergrund muss vermutet werden, dass die Berufungspraxis der Leipziger Medizinischen Fakultät ebenfalls vom wachsenden Antisemitismus unter Medizinern beeinflusst war. Von den 61 Professoren, die hier 1932 lehrten, war kein einziger Ordinarius jüdischer Herkunft.<a id="a36" href="#f36"><sup>[36]</sup></a> Unter den 34 nichtplanmäßigen außerordentlichen Professoren waren es vier.<a id="a37" href="#f37"><sup>[37]</sup></a> Ebenfalls vier der 30 Privatdozenten waren jüdisch.<a id="a38" href="#f38"><sup>[38]</sup></a> Einen weiteren Hinweis liefert ein 1929 erschienener Artikel in der Zeitschrift des Berliner Kassenärztevereins. Darin berichtete der Autor Felix Goldmann, Gemeinderabbiner in Leipzig, über verwehrte Aufstiegschancen für jüdische Mediziner in der Messestadt. Er empfahl ihnen deshalb, an liberalere Orte, etwa nach Berlin zu wechseln.<a id="a39" href="#f39"><sup>[39]</sup></a> </p>



<p>Am Ende der 1920er Jahre waren die Zukunftserwartungen angehender jüdischer Mediziner bereits nicht mehr von einem ungebrochenem Aufstiegsoptimismus geprägt. So veranschaulicht etwa der Lebensweg des späteren Nobelpreisträgers für Medizin, <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=276">Bernhard Katz</a> (1911–2003), einen Wandel der Motive, sich dem Medizinstudium zu widmen. Der Sohn eines aus Russland in die sächsische Messestadt eingewanderten Pelzhändlers studierte ab 1929 Medizin in Leipzig, <strong>(Bild 13)</strong> hatte diesen Berufsweg aber gegen seine eigentlichen geisteswissenschaftlichen Neigungen gewählt. Angesichts antisemitischer Stimmungen in Deutschland trug sich Katz bereits seit Ende der 1920er Jahre mit dem Gedanken, Deutschland den Rücken zu kehren und nach Palästina zu gehen. Medizin erschien ihm weniger als Möglichkeit des beruflichen Aufstiegs und der bürgerlichen Integration, sondern als nützlicher Ausweg, der ihm und seinen Eltern im Jischuw den Lebensunterhalt ermöglichen sollte. Im Herbst 1934 schloss Katz als letzter jüdischer Student in Leipzig seine medizinische Promotion ab.<a id="a40" href="#f40"><sup>[40]</sup></a><strong> (Bild 14)</strong><br></p>
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<p><a id="f1" href="#a1"><sup>[1]</sup></a> Monika Richarz, Der Eintritt der Juden in die akademischen Berufe, Tübingen 1974, 172; vgl. auch Vgl. auch Eberhard Wolff, Medizin und Ärzte im deutschen Judentum der Reformära. Die Architektur einer modernen jüdischen Identität, Göttingen 2014.</p>



<p><a id="f2" href="#a2"><sup>[2]</sup></a> Ebd., 173; Simone Lässig, Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19.&nbsp;Jahrhundert, Göttingen 2004, 610; zu den Rollen und Selbstverständnissen jüdischer Ärzte, vgl. Eberhard Wolff, Medizin und Ärzte im deutschen Judentum der Reformära. Die Architektur einer modernen jüdischen Identität, Göttingen/Bristol 2014.</p>



<p><a id="f3" href="#a3"><sup>[3]</sup></a> <span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">Je</span>ns Blecher, Leipzigs erster promovierter Jude. 1784 durfte Salomon Hirsch Burgheim Doktor der Medizin werden, in: Journal: Universität Leipzig 13 (2004), H. 7, 37–38.</p>



<p><a id="f4" href="#a4"><sup>[4]</sup></a> Ebd., 38.</p>



<p><a id="f5" href="#a5"><sup>[5]</sup></a> Lässig, Jüdische Wege ins Bürgertum, 195–197.</p>



<p><a id="f6" href="#a6"><sup>[6]</sup></a> Christian Schmidt, Hirschel, Bernhard, in: Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. (Hg.), Sächsische Biografie, <a rel="noreferrer noopener" href="http://www.isgv.de/saebi" target="_blank">http://www.isgv.de/saebi</a> (letzter Aufruf: 17.03.2022).</p>



<p><a id="f7" href="#a7"><sup>[7]</sup></a> Ortrun Riha, Tradition und Innovation. Die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig wird 600 Jahre alt, in: Ärzteblatt Sachsen 6 (2015), 255–260, hier 257.</p>



<p><a id="f8" href="#a8"><sup>[8]</sup></a> Elias von Cyon/Carl Ludwig, Die Reflexe eines der sensiblen Nerven des Herzens auf die motorischen der Blutgefässe, in: Arbeiten aus der Physiologischen Anstalt zu Leipzig 1 (1866), 128–149.</p>



<p><a id="f9" href="#a9"><sup>[9]</sup></a> Jens Blecher, Landesuniversität mit Weltgeltung. Die Alma mater Lipsiensis zwischen Reichsgründung und Fünfhundertjahrfeier 1871–1909, in: Hartmut Zwahr/Jens Blecher (Hgg.), Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Bd. 2, Leipzig 2010, 553–838, hier 747.</p>



<p><a id="f10" href="#a10"><sup>[10]</sup></a> Yvonne Kleinmann, ,Ausländer‘ – ,Russen‘ – ,Sozialisten‘. Jüdische Studenten aus dem östlichen Europa in Leipzig, 1880–1914, in: Stephan Wendehorst (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, Leipzig 2006, 517–540, hier 525; Siegfried Hoyer, Studenten aus dem zaristischen Rußland an der Universität Leipzig 1870/1914, in: Heiner Lück/Bernd Schildt (Hgg.), Recht – Idee – Geschichte, Köln 2000, 431–449.</p>



<p><a id="f11" href="#a11"><sup>[11]</sup></a> Ab 1886 galt für Juden im Ansiedlungsrayon ein Numerus clausus. Höchstens zehn Prozent Juden durften an den dortigen Hochschulen studieren. </p>



<p><a id="f12" href="#a12"><sup>[12]</sup></a> Michael Schäbitz, Juden in Sachsen – Jüdische Sachsen? Emanzipation, Akkulturation und Integration 1700–1914, Hannover 2006, 302–303.</p>



<p><a id="f13" href="#a13"><sup>[13]</sup></a> <span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">Joseph Lewy, Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung und die jüdischen Aerzte, in: Allgemeine Zeitung des Judenthums 67 (1903), H. 9, 103–105, hier </span>104; vgl. auch Schäbitz, Juden in Sachsen – Jüdische Sachsen? 296.</p>



<p><a id="f14" href="#a14"><sup>[14]</sup></a> <span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">Vgl. Monika Richarz, Berufliche und soziale Struktur, in: Steven M. Lowenstein/Paul Mendes-Flohr/Peter Pulzer/Monika Richarz, Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, Bd. 3, München 2000, 39­–68.</span></p>



<p><a id="f15" href="#a15"><sup>[15]</sup></a> Susanne Hahn, Leistungen jüdischer Mediziner und ihr Schicksal nach 1933, in: Ephraim-Carlebach-Stiftung (Hg.), Judaica Lipsiensia. Zur Geschichte der Juden in Leipzig, Leipzig 1994, 110–122.</p>



<p><a id="f16" href="#a16"><sup>[16]</sup></a> Schäbitz, Juden in Sachsen – Jüdische Sachsen? 229.</p>



<p><a id="f17" href="#a17"><sup>[17]</sup></a> Ingrid Kästner, Der Frauenarzt Prof. Dr. med. Felix Otto Skutsch, in: Ärzteblatt Sachsen 11 (2013), 486–489.</p>



<p><a id="f18" href="#a18"><sup>[18]</sup></a> Vgl. Hahn, Leistungen jüdischer Mediziner und ihr Schicksal nach 1933, 110–122<span class="has-inline-color has-vivid-red-color"></span>.</p>



<p><a id="f19" href="#a19"><sup>[19]</sup></a> <span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">Richarz, Berufliche und soziale Struktur, 61. In </span>absoluten Z<span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">ahlen: 8.000 von insgesamt 52.000 Ärzten; vgl. au</span>ch Andrea Lorz, Damit sie nicht vergessen werden! Eine Spurensuche zum Leben und Wirken jüdischer Ärzte in Leipzig, Leipzig 2017, 170.</p>



<p><a id="f20" href="#a20"><sup>[20]</sup></a> Nach Angaben von Albrecht Scholz lag der Anteil jüdischer Ärzte im 19. Jahrhundert bei 16 Prozent. Sie stellten dabei allerdings 25 Prozent aller Dermatologen, 21 Prozent der Pädiater und 17 Prozent der Gynäkologen; vgl. Albrecht Scholz, Zur Rolle jüdischer Ärzte in der Dermatologie, in: Albrecht Scholz/Caris-Petra Heidel (Hgg), Medizin und Judentum. Reprint der Tagungsbände von 1994–2000, Frankfurt am Main 2005, 27–33, hier 31–32.</p>



<p><a id="f21" href="#a21"><sup>[21]</sup></a> Scholz, Zur Rolle jüdischer Ärzte in der Dermatologie, 29.</p>



<p><a id="f22" href="#a22"><sup>[22]</sup></a> Gerald Wiemers, Ludwig Friedheim, in: Kalonymos 15 (2012), H.2, 16.</p>



<p><a id="f23" href="#a23"><sup>[23]</sup></a> Zu den in Leipzig an der Hautklinik angestellten jüdischen Ärzten gehörte auch Tibor Benedek (1892–1974), der 1922 an der Universität promoviert wurde und mit der ersten Leipziger Psychoanalytikerin Therese Benedek (1892–1977) verheiratet war.</p>



<p><a id="f24" href="#a24"><sup>[24]</sup></a> Scholz, Zur Rolle jüdischer Ärzte in der Dermatologie, 29.</p>



<p><a id="f25" href="#a25"><sup>[25]</sup></a> Vg<span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">l. Art. Fürst, Livius, in: &nbsp;Archiv Bibliographia Judaica e. V. (Hg.), Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Bd. 8, München 2000, 264–266.</span></p>



<p><a id="f26" href="#a26"><sup>[26]</sup></a> Ortrun Riha, Der Pädiater Siegfried Rosenbaum, in: Ärzteblatt Sachsen 11 (2013), 480–482, hier 480. </p>



<p><a id="f27" href="#a27"><sup>[27]</sup></a> Ablesen lässt sich das am hohen Anteil jüdischer Kinderärzte, die nach 1933 von Maßnahmen der Nationalsozialisten betroffen waren; über die Hälfte der in der Kinderheilkunde beschäftigten Ärzte verlor ihre Beschäftigung. Vgl. Riha, Der Pädiater Siegfried Rosenbaum, 480; vgl. auch Eduard Seidler, Jüdische Kinderärzte 1933–1945. Entrechtet, geflohen, ermordet, Basel u.a. 2007; vgl. auch die biografische Skizze des Kinderarztes Moses Michel Walltuch (1899–1942) in Andrea Lorz, Was ist geblieben? Eine Spurensuche zum Leben und Wirken der Leipziger Ärzte Dr. med. Edgar Alexander, Dr. med. Richard Hirschfeld, Dr. med. Moses Michel Walltuch, Leipzig 2019, 72–105.<span class="has-inline-color has-vivid-red-color"></span></p>



<p><a id="f28" href="#a28"><sup>[28]</sup></a> Andrea Lorz, Damit sie nicht vergessen werden! hier bes. 60.</p>



<p><a id="f29" href="#a29"><sup>[29]</sup></a> Stephan Wendehorst, Universität, Differenz und Innovation. Paradoxe Begegnung mit der Vormoderne, in: Dan Diner (Hg.), Synchrone Welten. Zeitenräume jüdischer Geschichte, Göttingen 2005, 93–118.</p>



<p><a id="f30" href="#a30"><sup>[30]</sup></a> Hartmut Rüdiger Peter (Hg.), Schnorrer, Verschwörer, Bombenwerfer? Studenten aus dem Russischen Reich an deutschen Hochschulen vor dem 1. Weltkrieg, Frankfurt am Main 2001, 12.</p>



<p><a id="f31" href="#a31"><sup>[31]</sup></a> Hier zit. n. Wendehorst, Universität, Differenz und Innovation, 106. </p>



<p><a id="f32" href="#a32"><sup>[32]</sup></a> Hier zit. n. Berward Vieten, Vom Verband deutscher Medizinerschaften zur NS-Medizinerschaft. Medizinstudentische Politik 1918 bis 1933, in: Jahrbuch für kritische Medizin und Gesundheitswissenschaften, Bd. 6, München 1980, 214–235, hier 224.</p>



<p><a id="f33" href="#a33"><sup>[33]</sup></a> Hans Peter Kleuel/Ernst Klinnert, Deutsche
Studenten auf dem Weg ins Dritte Reich, Gütersloh 1967, 153.</p>



<p><a id="f34" href="#a34"><sup>[34]</sup></a> Vieten, Vom Verband deutscher Medizinerschaften zur NS-Medizinerschaft, 219.</p>



<p><a id="f35" href="#a35"><sup>[35]</sup></a> Thomas Beddies/Gerhard Baader, Jüdische Ärzte in der Weimarer Republik, in: Thomas Beddies/Susanne Doetz/Christoph Kopke (Hgg.), Jüdische Ärzte und Ärztinnen im Nationalsozialismus. Entrechtung, Vertreibung, Ermordung, Berlin/Boston 2014, 16–35. </p>



<p><a id="f36" href="#a36"><sup>[36]</sup></a> Hahn, Leistungen jüdischer Mediziner und ihr Schicksal nach 1933, 111.</p>



<p><a id="f37" href="#a37"><sup>[37]</sup></a> Siegfried Rosenbaum (Pädiater, 1890–1969), Max
Goldschmidt (Augenheilkundler, 1884–1972), Felix Skutsch (Gynäkologe), Wolfgang
Rosenthal (1882–1971, Kieferchirurg).</p>



<p><a id="f38" href="#a38"><sup>[38]</sup></a> Ludwig Friedheim (Dermatologe 1862–1942); Ernst Bettmann (Orthopäde, 1899–1988); Friedrich Peter Fischer (Augenheilkunde, 1896–1949); Owsei Temkin (1902–2002, Medizinhistoriker). Zu den Angaben: Susanne Hahn, Die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung jüdischer Ärzte nach 1933 in Deutschland, dargestellt am Beispiel der Stadt Leipzig, in: Albrecht Scholz/Caris-Petra Heidel (Hgg.), Medizin und Judentum. Reprint der Tagungsbände von 1994–2000, Frankfurt am Main 2005, 7–14; vgl. auch Ronald Lamprecht, Entlassung, Verfolgung und Emigration medizinischer Hochschullehrer der Universität Leipzig in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Beddies/Doetz/Kopke, Jüdische Ärztinnen und Ärzte im Nationalsozialismus, 149–161. </p>



<p><a id="f39" href="#a39"><sup>[39]</sup></a> Hahn, Leistungen jüdischer Mediziner und ihr Schicksal nach 1933, 111.</p>



<p><a id="f40" href="#a40"><sup>[40]</sup></a> Ortrun Riha, Leipzigs Nobelpreisträger für Medizin Sir Bernard Katz, in: Ärzteblatt Sachsen 11 (2013), 469–472, hier 470.</p>



<p class="has-large-font-size"><strong><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=2037">Jura</a>&lt;&lt; >><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=262">Mathematik</a></strong></p>
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		<title>Mathematik</title>
		<link>https://gelehrte.dubnow.de/bio-7/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Jan 2018 18:52:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel]]></category>
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					<description><![CDATA[Früher als in anderen wissenschaftlichen Disziplinen konnten sich jüdische Mathematiker an der Spitze des Fachs etablieren. Die besonders stark ausgeprägte Orientierung an rationalen Kriterien in der Mathematik sowie ihr über nationale und religiöse Grenzen hinausgehender universeller Anspruch ließen antijüdische Vorbehalte weniger stark zur Geltung kommen.[1] (Diagramm 9) Bereits 1859 wurde mit Moritz Abraham Stern in [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image alignwide size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="766" height="417" src="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2018/01/mathematik_titelbild.png" alt="Titelbild Mathematik, Leon Lichtenstein │UAL" class="wp-image-2945" srcset="https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2018/01/mathematik_titelbild.png 766w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2018/01/mathematik_titelbild-300x163.png 300w" sizes="auto, (max-width: 766px) 100vw, 766px" /><figcaption class="wp-element-caption">Leon Lichtenstein während einer Vorlesung │ UAL</figcaption></figure>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-drop-cap">Früher als in anderen wissenschaftlichen Disziplinen konnten sich jüdische Mathematiker an der Spitze des Fachs etablieren. Die besonders stark ausgeprägte Orientierung an rationalen Kriterien in der Mathematik sowie ihr über nationale und religiöse Grenzen hinausgehender universeller Anspruch ließen antijüdische Vorbehalte weniger stark zur Geltung kommen.<a id="a1" href="#f1"><sup>[1]</sup></a> <strong>(Diagramm 9)</strong> Bereits 1859 wurde mit Moritz Abraham Stern in Göttingen der erste nicht konvertierte Jude an einer deutschen Universität zum Ordinarius berufen. Eine wirklich breitere Hinwendung von Juden setzte allerdings erst nach der rechtlichen Gleichstellung ein. Jetzt gelang es jüdischen Mathematikern häufiger, Professuren zu erhalten. In der Weimarer Republik waren schließlich 28 von 94 ordentlichen Mathematik-Professuren mit jüdischen Wissenschaftlern besetzt.<a id="a2" href="#f2"><sup>[2]</sup></a></p>



<p>Die Universität Leipzig berief 1901 <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=631">Felix Hausdorff</a> (1868–1942), 1905 Heinrich Liebmann (1874–1939), 1921 Leon Lichtenstein (1878–1933) und 1923 Friedrich Levi (1888-1966) auf Professuren. Doch blieb dieser Aufstieg keineswegs frei von Vorurteilen, selbst bei seinen akademischen Förderern. Als sich <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=631">Felix Hausdorff</a>, <strong>(Bild 1)</strong> der in Leipzig eine Stelle als außerplanmäßiger Professor innehatte, um eine besser gestellte Professur in Göttingen bemühte, schrieb ihm sein Doktorvater Heinrich Bruns, Ordinarius für Astronomie und Direktor der Sternwarte in Leipzig, ein äußerst wohlwollendes Gutachten. Darin hieß es unter anderem, dass man in Leipzig dem Privatdozenten Hausdorff die Vorlesungen zur Versicherungsmathematik übertragen hatte, weil ihm dafür „unzweifelhaft die specifischen Anlagen seiner Rasse (ungetauft) zustatten“ gekommen seien.<a id="a3" href="#f3"><sup>[3]</sup></a> </p>



<p>Tatsächlich waren die Interessengebiete jüdischer Mathematiker auf alle Teilbereiche des Fachs verteilt. Sie betrafen also nicht nur abstrakte oder  auf andere Weise vermeintlich jüdischem Denken nahestehende Subdisziplinen und Methoden, sondern ebenso angewandte Mathematik, Geometrie und Algebra. <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=631">Felix Hausdorff</a> etwa promovierte 1891 (<strong>Bild 2)</strong> und habilitierte sich 1895 in Leipzig mit astronomischen Arbeiten über die Lichtstrahlung. Ab 1904 wandte er sich verstärkt der Mengenlehre zu. Zuvor hatte er unter dem Pseudonym Dr. Paul Mongré literarische sowie erkenntnistheoretische Werke veröffentlicht. Doch weder seine vielseitige Prägung noch sein Selbstverständnis als Agnostiker ersparten ihm die Erfahrung antisemitischer Ablehnung.<a id="a4" href="#f4"><sup>[4]</sup></a> Im Antragsprozess der Universität Leipzig zur Ernennung Hausdorffs zum Extraordinarius berichtete der Dekan an das zuständige Ministerium in Dresden, dass der Fakultätsbeschluss nicht einstimmig ausgefallen sei, sondern sieben von 22 Mitgliedern des Fakultätsrates aufgrund des mosaischen Glaubens des Kandidaten gegen ihn gestimmt hätten.<a id="a5" href="#f5"><sup>[5]</sup></a> <strong>(Galerie 1)</strong></p>



<p>An der Universität Leipzig fühlte sich Hausdorff nicht wirklich angenommen. So berichtete er später, nachdem er in Greifswald und Bonn zum Ordinarius berufen worden war, über die dort anzutreffende Kollegialität. Diese habe im deutlichen Gegensatz zu den Gepflogenheiten an der sächsischen Landesuniversität gestanden, wo Ordinarien ihren formal niedriger stehenden Kollegen den Statusunterschied spüren ließen.</p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Auch der vier Jahre nach Hausdorff zum außerordentlichen Professor berufene Heinrich Liebmann <strong>(Bild 3) </strong>verließ bereits wenige Jahre später die Universität Leipzig. Liebmann hatte seit 1882 in Leipzig Mathematik studiert, später in Jena promoviert. 1899 erhielt der Spezialist für Geometrie in Leipzig die Lehrbefugnis<strong> (Galerie 2)</strong>, 1909 folgte die Berufung zum Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Nach seiner Leipziger Zeit folgten Professuren in München und Heidelberg. Liebmann wurde nicht nur durch seine eigenen geometrischen Grundlagenwerke bekannt, sondern auch durch seine Übersetzungen mathematischer Werke russischer und italienischer Autoren. Trotz seines evangelischen Bekenntnisses wurde ihm im nationalsozialistischen Deutschland seine jüdische Herkunft zur Last gelegt. Als altgedienter Staatsbeamter durfte Liebmann zwar zunächst weiter in Heidelberg lehren, allerdings richtete sich dort schon bald eine von der Fachschaft organisierte antisemitische Hetzkampagne gegen ihn, die in einem Vorlesungsboykott gipfelte. An Tuberkulose erkrankt reichte Liebmann seine vorzeitige Pensionierung ein. Er starb 1939 an den Folgen der Krankheit.<a id="a6" href="#f6"><sup>[6]</sup></a> </p>



<p>Zu den erfolgsreichsten Leipziger Mathematikern gehörte Leon Lichtenstein (1878–1933). <strong>(Bild 4)</strong> Als dieser 1922 in der Messestadt zum ordentlichen Professor berufen wurde, hatte er einen beeindruckenden Bildungsweg zurückgelegt: In seiner Geburtsstadt Warschau absolvierte er nach der Realschule eine Druckerlehre.<a id="a7" href="#f7"><sup>[7]</sup></a> Da er im russländischen Reich als Jude nicht zum Studium zugelassen wurde, ging er nach Berlin und schrieb sich 1894 an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg für Maschinenbau und Elektrotechnik ein. Dazu begann er an der Universität Berlin mit einem Studium der Mathematik, legte aber auch noch die Prüfungen zum deutschen Abitur ab. Kurz nach der Jahrhundertwende arbeitete er für Siemens als Elektroingenieur. 1914 gab er seine russische Staatsbürgerschaft auf und wurde deutscher Staatsbürger. Während des Ersten Weltkrieges arbeite er für das Heeresprüfungsamt und beteiligte sich an aerodynamischen Berechnungen in der Flugzeugkonstruktion. Nach dem Krieg setzte er dann seine wissenschaftliche Laufbahn fort. 1918 war er Mitbegründer der <em>Mathematischen Zeitschrift</em>, die er 20 Jahre lang betreute. Von 1919 bis 1927 war er Herausgeber des <em>Jahrbuchs über die Fortschritte der Mathematik</em>. In Leipzig wurde er 1925 ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und 1928 Dekan der Philosophischen Fakultät.</p>



<p>Im Sommer 1933 setzte eine gezielte Kampagne gegen den hervorragenden Mathematiker ein, der bis dato bei Kollegen und Studenten hohes Ansehen genossen hatte. <strong>(Bild 5)</strong> Am 4. August 1933 erschien in der <em>Leipziger Tageszeitung</em> ein Artikel, in dem Lichtenstein als „polnischer oder galizischer Jude“ mit mangelhaften Deutschkenntnissen denunziert und seine Entfernung aus der Universität gefordert wurde. Von den politischen Ereignissen und der drohenden Abberufung erschüttert, verstarb der Wissenschaftler mit gerade einmal 55 Jahren während eines Urlaubaufenthaltes in Zakopane.<strong> (Bild 6)</strong></p>
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<p>Auch der in Bonn lehrende <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=631">Felix Hausdorff</a> überlebte die nationalsozialistischen Repressalien nicht. Zwar wurde er zunächst im März 1935 regulär emeritiert, wenig später erfolgte aber seine Zwangsversetzung in den Ruhestand. Gegenüber der Emeritierung bedeute dies unter anderem eine Minderung seines Einkommens.<a id="a8" href="#f8"><sup>[8]</sup></a> Spätestens nach den Novemberpogromen war Hausdorff bewusst, dass das Leben von Juden in Deutschland in Gefahr war und er bemühte sich um eine Stelle im Ausland. So schrieb er im Frühjahr 1939 einen Brief an den nach New York emigrierten Kollegen Richard Courant und ersuchte diesen um Hilfe. Doch Hausdorffs Bemühungen, ein Forschungsstipendium für die Vereinigen Staaten zu erhalten, blieben wahrscheinlich auch wegen seines fortgeschrittenen Alters ohne Erfolg. Im Angesicht der drohenden Deportation wählte <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=631">Felix Hausdorff</a> gemeinsam mit seiner Frau und deren Schwester am 26. Januar 1942 den Freitod.</p>



<p>Über ein Drittel der Professoren der Mathematik waren zwischen 1933 und 1939 von den politischen und rasseideologischen Säuberungen der Nationalsozialisten betroffen.<a id="a9" href="#f9"><sup>[9]</sup></a> Jüngeren Wissenschaftlern fiel es oft leichter, zu emigrieren und im Ausland neu zu beginnen. Für diejenigen, denen die Auswanderung bzw. Flucht gelang, war das Leben im Exil häufig von beruflichen, sprachlichen und kulturellen Schwierigkeiten gekennzeichnet. Gleichwohl setzten nicht wenige ihre wissenschaftliche Karriere fort. So kehrte beispielsweise der Mathematiker Aurel Wintner (1903–1958), <strong>(Bild 7)</strong> ein Schüler Leon Lichtensteins, der ab 1927 in Leipzig studiert und 1928 promoviert hatte, 1933 nicht von einem Aufenthalt als Gastprofessor in den Vereinigten Staaten zurück. Er blieb Professor an der Johns Hopkins Universität in Baltimore und wirkte unter anderem seit 1944 als Herausgeber des <em>American Journal of Mathematics</em>. In Deutschland wurde er noch 1933 ausgebürgert.</p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Der seit 1919 als Privatdozent und seit 1923 als außerordentlicher Professor in Leipzig tätige Friedrich Levi (1888–1966) flüchtete 1936.<a id="a10" href="#f10"><sup>[10]</sup></a> <strong>(Bild 8) </strong>Drei Jahre zuvor wurde ihm das erste Mal die Lehrbefugnis entzogen, doch da er im Ersten Weltkrieg als sächsischer Feldartillerist gedient hatte, konnte er eine Ausnahmeregelung des &#8222;Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums&#8220; in Anspruch nehmen. Auch auf Betreiben des Dekans Ludwig Weickmann erhielt er einen kleinen Lehrauftrag für Geometrie, bevor er dann 1935 erneut entlassen wurde.<a id="a11" href="#f11"><sup>[11]</sup></a> <strong>(Bild 9) </strong>1936 ging Levi als Hardinge Professor nach Indien und übernahm für zwölf Jahre die Leitung der Abteilung für Höhere Mathematik an der Universität Kalkutta. Ab 1948 beteiligte sich der in seinem Exilland hoch angesehene Levi am Aufbau des Tata Institute of Fundamental Research, School of Mathematics, in Bombay. Trotz seines Erfolgs kehrte er 1952 nach Deutschland zurück, arbeitete als Professor an der Freien Universität Berlin und nach seiner Emeritierung an der Universität Freiburg (Breisgau).</p>



<p>Levis endgültige Entlassung in Leipzig erfolgte gleichzeitig mit vier weiteren Kollegen der Philosophischen Fakultät, darunter der Fotochemiker Fritz Weigert (1876–1947). Vorangetrieben wurde die Entlassungswelle vom sächsischen Gauleiter Martin Mutschmann, der seit Februar 1935 das Amt des Ministerpräsidenten innehatte und das Ziel verfolgte, alle jüdischen oder politisch verdächtigen Angestellten in der öffentlichen Verwaltung und im Bildungswesen zu entfernen. Dabei suspendierte der NS-Funktionär noch geltende Sonderregelungen für jüdische Kriegsteilnehmer, bevor diese mit der Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze im September 1935 ohnehin bedeutungslos wurden. An der Philosophischen Fakultät führte dieses rigide Vorgehen zu einer der wenigen wahrnehmbaren Protestaktionen gegen die Vertreibung und Entrechtung jüdischer Wissenschaftler. So missbilligten in der Fakultätssitzung vom 8. Mai 1935 fünf Mitglieder, darunter der Physiker Werner Heisenberg und der Mathematiker Bartel L. van der Waerden, die erneuten Entlassungen vor dem Rektor der Universität. <strong>(Galerie 3) </strong>Als Konsequenz wies das Ministerium für Volksbildung die Beschwerdeführer zurecht. Der Dekan der Fakultät, Helmut Berve, verlor sein Amt.<a id="a12" href="#f12"><sup>[12]</sup></a> <strong>(Bild 10)</strong></p>
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<hr class="wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide"/>


<p><a id="f1" href="#a1"><sup>[1]</sup></a> Moritz Epple, Art. Mathematik, in Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 4, Stuttgart 2013, 82–88.</p>
<p><a id="f2" href="#a2"><sup>[2]</sup></a> Ebd., 86.</p>
<p><a id="f3" href="#a3"><sup>[3]</sup></a> Annette Vogt, Academic Anti-Semitism, in: Birgit Bergmann u.a. (Hg.), Transcending Tradition. Jewish Mathematiciains in German Speaking Academic Culture, Heidelberg 2012, 198–212, hier 205.</p>
<p><a id="f4" href="#a4"><sup>[4]</sup></a> Heinz Klaus Strick, Felix Hausdorff (1868–1942). Um den Nazis zu entgehen, nahm er sich das Leben, <a href="https://www.spektrum.de/wissen/felix-hausdorff-meister-der-masstheorie/1602848" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://www.spektrum.de/wissen/felix-hausdorff-meister-der-masstheorie/1602848</a> (letzter Aufruf: 03.02.2022).</p>
<p><a id="f5" href="#a5"><sup>[5]</sup></a> Ebd.</p>
<p><a id="f6" href="#a6"><sup>[6]</sup></a> Gabriele Dörflinger, Heinrich Liebmann. Mathematiker. Manuskript des Beitrages in den Badischen Biographien, Neue Folge, Bd. 6, 258–259, Heidelberg 2011, <a href="http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/14711/1/Liebmann-BadBio.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/14711/1/Liebmann-BadBio.pdf</a> (letzter Aufruf: 31.01.2022).</p>
<p><a id="f7" href="#a7"><sup>[7]</sup></a> Hans Peter Gittel, Leon Lichtenstein, <span style="color: #0000ff;"><u><a href="https://www.math.uni-leipzig.de/preprints/p1502.0020.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://www.math.uni-leipzig.de/preprints/p1502.0020.pdf</a></u></span> (letzter Aufruf: 23.03.2022).</p>
<p><a id="f8" href="#a8"><sup>[8]</sup></a> Moritz Epple, Spielräume des Denkens. Felix Hausdorff und Paul Mongré, in: Astrid Scharz/Alfred Nordmann (Hgg.), Das bunte Gewand der Theorie. Vierzehn Begegnungen mit philosophierenden Forschern, München 2009, 235–263, hier 259.</p>
<p><a id="f9" href="#a9"><sup>[9]</sup></a> Epple, Art. Mathematik, 88.</p>
<p><a id="f10" href="#a10"><sup>[10]</sup></a> Maximilian Pinl, Kollegen in einer dunklen Zeit. III. Teil, in: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 73 (1971/72), 153–208, hier 188.</p>
<p><a id="f11" href="#a11"><sup>[11]</sup></a> Gerald Wiemers, Verfolgung und Vertreibung 1933–1935. Die Mathematisch-naturwissenschaftliche Abteilung der Philosophischen Fakultät und ihre jüdischen Wissenschaftler, in: Stephan Wendehorst (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, Leipzig 2006, 563–590, hier 583.</p>
<p><a id="f12" href="#a12"><sup>[12]</sup></a> Wiemers, Verfolgung und Vertreibung 1933–1935, 570–571.</p>


<p><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=265">Medizin</a>&lt;&lt; >><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=2751">Naturwissenschaften</a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Naturwissenschaften</title>
		<link>https://gelehrte.dubnow.de/chemie-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Feb 2020 10:52:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel]]></category>
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					<description><![CDATA[Physik Im Laufe des 19. Jahrhunderts befeuerten wissenschaftliche Entdeckungen den Glauben, die Natur verstehen und beherrschen zu können. Das Fachwissen nahm rasant zu, neue Teildisziplinen entstanden und mit der schnell voranschreitenden Industrialisierung wuchsen neue praktische Anwendungsfelder. Dieser Fortschritt prägte das Weltbild vieler Zeitgenossen und schlug sich in einem enormen Wachstum von Studentenzahlen an Universitäten und [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image alignwide size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="510" src="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/03/naturwissenschaften_titelbild-1024x510.jpg" alt="" class="wp-image-2947" srcset="https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/03/naturwissenschaften_titelbild-1024x510.jpg 1024w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/03/naturwissenschaften_titelbild-300x149.jpg 300w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/03/naturwissenschaften_titelbild-768x382.jpg 768w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2020/03/naturwissenschaften_titelbild.jpg 1326w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Studenten um Werner Heisenberg (vorne, rechts) │ UAL</figcaption></figure>



<h4 class="wp-block-heading">Physik</h4>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-drop-cap">Im Laufe des 19. Jahrhunderts befeuerten wissenschaftliche Entdeckungen den Glauben, die Natur verstehen und beherrschen zu können. Das Fachwissen nahm rasant zu, neue Teildisziplinen entstanden und mit der schnell voranschreitenden Industrialisierung wuchsen neue praktische Anwendungsfelder. Dieser Fortschritt prägte das Weltbild vieler Zeitgenossen und schlug sich in einem enormen Wachstum von Studentenzahlen an Universitäten und Fachhochschulen nieder. Ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurden einige deutsche Hochschulen in den naturwissenschaftlichen Fächern weltweit führend. Damit waren sie attraktiv für Wissenschaftler aus dem In- und Ausland.</p>



<p>Der wissenschaftliche Erfolg zeigte sich nicht zuletzt an der großen Anzahl von Nobelpreisen, die Physiker, Chemiker und Physiologen aus Deutschland verliehen bekamen. Ungefähr ein Drittel der 33 deutschen Preisträger bis 1932 waren jüdischer Herkunft.<a id="a1" href="#f1"><sup>[1]</sup></a> Nach 1933 gingen viele Nobelpreise an deutsch-jüdische Emigranten, die zumindest einige Zeit an deutschsprachigen Hochschulen ausgebildet wurden. <strong>(Bild 1) </strong>Dieser hohe Anteil geht im Allgemeinen auf die hohe Wertschätzung akademischer Bildung in der jüdischen Bevölkerung zurück. Dafür, dass Akademiker mit jüdischem Hintergrund in besonderer Weise in den Naturwissenschaften ihre berufliche Zukunft sahen, waren fachspezifische Entwicklungen mitverantwortlich. Zu diesen Besonderheiten gehörte die Entwicklung neuer Teildisziplinen, etwa der Kernphysik. Jüdische Akademiker sahen hier oft eher eine persönliche Chance als in den traditionellen Fachbereichen.</p>



<p>An der Schwelle zum 20. Jahrhundert führten Entdeckungen wie die Röntgenstrahlung und Radioaktivität zu neuen Anschauungen über die kleinsten Einheiten der Materie und stellten damit die klassische Physik in Frage. Auch Impulse aus der mathematischen Physik rüttelten an der Auffassung, die physikalischen Grundgesetze seien weitgehend erkannt und bewiesen. In Leipzig hatte sich am Ende des 19. Jahrhunderts die Experimentalphysik etabliert. Mit der 1894 eingerichteten ersten Professur für Theoretische Physik bekam die mathematische Physik einen größeren Stellenwert. Zehn Jahre später wurde der Neubau des Physikalischen Instituts eingeweiht. <strong>(Bild 2)</strong> Mit seinen 2.000 Quadratmetern Laborfläche, Mechanikerwerkstätten, großen und kleinen Hörsälen sowie technischen Ausrüstungen war es die damals in Deutschland größte und auch am besten ausgestattete Einrichtung ihrer Art.<a id="a2" href="#f2"><sup>[2]</sup></a></p>



<p>In den 1920er Jahren differenzierte sich die Physik auch an der Universität Leipzig weiter aus. So entstanden Abteilungen für Radio-Physik und Angewandte Physik. Aus letzterer entsprangen wenig später eigenständige Abteilungen für Angewandte Mechanik und Thermodynamik sowie für Angewandte Elektrizitätslehre. Als erster Direktor der Abteilung für Radiophysik wirkte Erich Marx (1874–1956), der vor allem als Herausgeber des sechsbändigen Handbuches der Radiologie, das sowohl in Englisch als auch auf Deutsch erschien, bekannt wurde. <strong>(Bild 3)</strong> Marx diskutierte in einigen seiner Arbeiten bereits die neuesten Theorien von Max Planck und Albert Einstein, blieb aber auch noch klassisch-theoretischen Beschreibungen verhaftet.<a id="a3" href="#f3"><sup>[3]</sup></a> 1933 wurde er in Zwangsruhestand versetzt. Nachdem Marx noch bis 1940 an seinem privat gegründeten radiophysikalischen Institut für die Industrie gearbeitet hatte, emigrierte er in die Vereinigten Staaten. <strong>(Bild 4)</strong></p>
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<p>Die moderne Physik hielt in Leipzig 1926 mit der Professur Gregor Wentzels Einzug. Als Schüler Arnold Sommerfelds hatte er auf mathematisch-theoretischem Gebiet grundlegende Beiträge zur Quanten- und Relativitätstheorie geleistet. Zu einem wirklichen Zentrum der neuen Ideen wurde die Leipziger Physik allerdings erst mit der Berufung eines weiteren Sommerfeld-Schülers: Im Alter von 25 Jahren wurde 1927 Werner Heisenberg Professor in Leipzig. Heisenberg galt bereits damals als Star der neuen Physik, nachdem er 1925 die Grundlagen der Quantenmechanik formuliert und zwei Jahre später die Unschärferelation entdeckt hatte. 1932 erhielt er dafür den Nobelpreis für Physik. In Leipzig wurde er zum Mittelpunkt einer Gruppe junger Akademiker, die sich allesamt von Anwendungsfragen des neuen physikalischen Paradigmas fasziniert zeigten.</p>



<p>Viele dieser Forscher, etwa Heisenbergs erster Assistent Guido Beck (1903–1988), seine Doktoranden Felix Bloch (1905–1983), Rudolf Peierls (1907–1995), <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=637">Edward Teller</a> (1908–2003) und Arnold Siegert (1911–1995), verband ihre jüdische Herkunft. Diese spielte allerdings keine vordergründige Rolle, ja Heisenberg zeigte sich regelrecht überrascht, als er später im Zuge der nationalsozialistischen Zwangsmaßnahmen gegen einige seiner Schüler davon erfuhr.<a id="a4" href="#f4"><sup>[4]</sup></a> <strong>(Bild 5)</strong></p>



<p>Für Heisenbergs Schüler versprach die Quantenmechanik bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse. Hinzu kam der Reiz, Teil einer jungen Forschergemeinschaft zu sein, die von internationalem Austausch profitierte. Zentren der neuen Quantenmechanik waren neben Leipzig die Universitäten in Göttingen mit Max Born, in Kopenhagen mit Niels Bohr und in Zürich mit den Professuren von Wolfgang Pauli und Erwin Schrödinger.<a id="a5" href="#f5"><sup>[5]</sup></a> Zwischen ihnen wurde ein reger geistiger Austausch gepflegt, der akademische Nachwuchs wechselte nicht selten von einem dieser Institute zu einem anderen und die Professoren empfahlen ihre Schüler für die Stellenangebote der Kollegen.</p>



<p>Der in Reichenberg (Liberec) geborene Guido Beck ging, nachdem er in Wien studiert, promoviert und seit 1928 vier Jahre für Heisenberg in Leipzig gearbeitet hatte, 1932 als Rockefeller Stipendiat nach Kopenhagen zu Niels Bohr. <strong>(Bild 6) </strong>Nach vielen weiteren beruflichen Stationen, darunter in den Vereinigten Staaten und in der Sowjetunion, musste er 1938 Deutschland endgültig verlassen und emigrierte über Dänemark, Frankreich und Portugal nach Argentinien.</p>



<p>Als ein Student von Wolfgang Pauli aus Zürich kam Felix Bloch nach Leipzig. Bei Heisenberg setzte er sein Studium fort, promovierte 1928 mit der Arbeit <em>Über die Quantenmechanik der Elektronen in Kristallgittern</em> und wechselte dann als Assistent zurück zu Pauli an die Eidgenössische Technische Hochschule. Von 1930 bis 1933 war Bloch wieder Oberassistent von Heisenberg in Leipzig. In diese Zeit fiel auch seine Habilitation. <strong>(Bild 7)</strong> Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten kehrte Bloch, der Schweizer Staatsbürger war, von einem Studienaufenthalt in Rom nicht mehr nach Deutschland zurück. In einem Brief an die Fakultät erklärte er im August 1933, dass er angesichts der politischen Verhältnisse eine Stellung in Leipzig, aber auch an einer anderen deutschen Universität ablehne. <strong>(Galerie 1)</strong> Bloch ging in die Vereinigten Staaten, wo er unter anderem als Professor an der Universität Stanford arbeitete. Für seine Entdeckung der magnetischen Kernresonanz erhielt er 1952 den Nobelpreis, 1954 wurde er erster Generaldirektor des Kernforschungszentrums CERN bei Genf.<a id="a6" href="#f6"><sup>[6]</sup></a></p>
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<p>Während des Nationalsozialismus wurden die Internationalität seiner Schüler und die Orientierung an den Grundlagen der modernen Physik zu Vorwürfen gegen Heisenberg. In einem Artikel für das SS-Journal <em>Das Schwarze Korps</em> machte Johannes Stark, Nobelpreisträger und amtierender Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, Heisenberg die Beschäftigung jüdischer Assistenten zum Vorwurf; zudem würden seine Lehrveranstaltungen überwiegend von Juden und Ausländern besucht.<a id="a7" href="#f7"><sup>[7]</sup></a> Der Grund dafür sei Heisenbergs Festhalten an Einsteins Relativitätstheorie und damit an einem „jüdischen Geist“ in der Physik. Im Gegensatz zur „deutschen Physik“ sei die „jüdische“ von einer wirklichkeitsfernen Theorielastigkeit geprägt, die dem gesunden Menschenverstand und einer geduldigen Naturbeobachtung widerspräche. Stark radikalisierte damit eine weit verbreitete Abwehr gegen die moderne Physik. Insbesondere eine ältere, schon im Kaiserreich beruflich erfolgreiche Generation von Experimentalphysikern reagierte auf die Innovationen der Zeit mit einem umfassenden Kulturpessimismus. Auch Starks Kollege, der ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Phillip Lenard, brandmarkte die moderne Physik als abstrakt und formalistisch und verband diese Beschreibungskategorien mit einem vermeintlich jüdischen Wesenskern. Die Aufmerksamkeit, die der modernen Physik dennoch gelte, verdanke sich nur vordergründiger Sensationshascherei. Hingegen baue tatsächlicher Erkenntnisgewinn auf einem „arischen“ Forscherdrang auf, so Lenard sinngemäß in der Einleitung zu seinem vierbändigen Lehrbuch <em><a rel="noreferrer noopener" aria-label="Deutsche Physik (öffnet in neuem Tab)" href="https://archive.org/details/PhilippLenardDeutschePhysikBand1/page/n2/mode/2up" target="_blank">Deutsche Physik</a></em>.</p>



<p>Wissenschaftlich blieb die <em>Deutsche Physik</em> bedeutungslos, an Universitäten und Forschungseinrichtungen konnte sie allerdings viele Anhänger gewinnen. Stark und Lenard hatten bereits in den 1920er Jahren ihrer Bewunderung Hitlers Ausdruck gegeben.<a id="a8" href="#f8"><sup>[8]</sup></a> Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten bekamen sie schließlich den institutionellen Einfluss, ihren Vorstellungen Nachdruck zu verleihen. So verhinderte die Verleumdung Heisenbergs als „Statthalter des Judentums im deutschen Geistesleben“ dessen Berufung auf den Lehrstuhl für Physik an der Münchner Universität als Nachfolger von Arnold Sommerfeld.</p>



<p>Vollständig durchsetzen konnte sich das ideologische Paradigma einer „arischen“ Naturwissenschaft aber selbst im nationalsozialistischen Deutschland nicht. Heisenberg hatte sich mit einer Eingabe beim Reichsführer SS, Heinrich Himmler, über die Angriffe gegen ihn beschwert und bekam, wenn auch erst nach einer etwa einjährigen Prüfung, den Schutz der Reichsregierung versichert. Dabei halfen wohl auch Kontakte seiner Eltern zur Familie Himmlers.<a id="a9" href="#f9"><sup>[9]</sup></a> Noch entscheidender war: Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wuchs das Interesse am Anwendungspotential von Quantenphysik und Relativitätstheorie. Heisenberg wurde 1942 zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin-Dahlem ernannt und arbeitete in dieser Funktion federführend am Bau einer deutschen Atombombe mit. Allerdings schritten die entsprechenden Aktivitäten nicht weit fort und sollen von Heisenberg auch nicht besonders vorangetrieben worden sein.<a id="a10" href="#f10"><sup>[10]</sup></a> </p>
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<p>Einige seiner Schüler bestätigten später, seine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten sei nur oberflächlicher Natur gewesen, im Kern aber habe er sich als Wissenschaftler und Mensch während des Nationalsozialismus korrekt verhalten.<a id="a11" href="#f11"><sup>[11]</sup></a></p>



<p>Im Gegensatz zu Heisenberg, der in Deutschland blieb, stellten viele seiner ins Exil gezwungenen Schüler ihre intellektuellen Fähigkeiten in den Dienst der Anti-Hitler-Koalition. So überzeugten die drei in Ungarn geborenen Kernphysiker <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=637">Edward Teller</a> <strong>(Bild 8)</strong>, Leó Szilárd und Eugene Wigner im Oktober 1939 Albert Einstein davon, den amerikanischen Präsidenten Theodor Roosevelt in einem Brief auf das militärische Potential der nuklearen Kernspaltung und die Gefahr einer deutschen Atombombe aufmerksam zu machen.<a id="a12" href="#f12"><sup>[12]</sup></a> <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=637">Edward Teller</a> hatte in Leipzig bei Heisenberg promoviert, seit 1930 als dessen Assistent gearbeitet und war dann über Dänemark und Großbritannien in die Vereinigten Staaten emigriert. <strong>(Bild 9)</strong></p>



<p>Im März 1940 verfassten zwei nach England exilierte Physiker eine Denkschrift über die Möglichkeit einer Atomwaffe. Einer von ihnen war Rudolf Peierls, der in Leipzig bei Heisenberg promoviert hatte, der andere Otto Frisch, ein aus Wien stammender Kernphysiker. <strong>(Bild 10) </strong>Die beiden Forscher beschrieben die Auswirkungen der Atombombe und warnten mit Verweis auf den Stand der Kernphysik in Deutschland vor der Gefahr, dass die Nationalsozialisten bereits daran bauten. Ihr streng geheimer Bericht wurde an das Militär weitergeleitet und beeinflusste die alliierten Anstrengungen, vor den Achsenmächten in den Besitz einer Atombombe zu gelangen.</p>



<p>Ab 1942 bündelten die Vereinigten Staaten ihre Aktivitäten zur atomaren Bewaffnung im sogenannten Manhattan-Projekt. <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=637">Edward Teller</a> gehörte dabei zum Aufbaustab, Victor Weißkopf, für kurze Zeit 1931 ebenfalls ein Schüler Heisenbergs, leitete von 1943 bis 1946 eine Abteilung des Projekts in Los Alamos.<a id="a13" href="#f13"><sup>[13]</sup></a> Am 16. Juli 1945 waren beide Augenzeugen des ersten Atombombenversuchs. Auch Felix Bloch und Rudolf Peierls waren am Bau der Atombombe beteiligt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprachen sie sich, wie auch Weißkopf und viele andere Atomwissenschaftler, gegen die Weiterentwicklung atomarer Waffen und für die rein friedliche Nutzung der Kernenergie aus. Teller allerdings hatte in entscheidendem Maße auch Anteil am Bau einer Wasserstoffbombe und verteidigte später die atomare Abschreckungsstrategie der Vereinigten Staaten im Kalten Krieg.<a id="a14" href="#f14"><sup>[14]</sup></a></p>



<p>Spätestens die militärische Entwicklung der Atomtechnologie widerlegte die Voraussagen der „deutschen Physik“, nach der es sich bei der modernen Kernphysik nur um theoretische Wichtigtuerei ohne tatsächlichen Erkenntnisgewinn handele. Auch wenn sich im Physikalischen Institut in Leipzig diese ideologische Auffassung aufgrund der Rolle Heisenbergs ohnehin nie hatte durchsetzen können, endete hier mit der Vertreibung der jüdischen Naturwissenschaftler eine außergewöhnlich innovative Episode der Fachentwicklung, an die später nicht mehr in gleichem Maße angeknüpft werden konnte.</p>
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<h4 class="wp-block-heading">Chemie</h4>



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<p>Das Fach Chemie entstand im Laufe des 18. Jahrhunderts aus Fragestellungen der Medizin, der Farbstoffherstellung und des Bergbaus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Deutsche Reich zum Vorreiter sowohl in der theoretischen Entwicklung als auch bei der Anwendung chemischer Methoden in der Industrie.<a id="a15" href="#f15"><sup>[15]</sup></a> In Leipzig eröffnete 1868 das größte chemische Laboratorium an einer deutschen Universität, das auch international zu den modernsten Einrichtungen seiner Zeit gehörte. <strong>(Bild 11)</strong> </p>



<p>Als junge wissenschaftliche Disziplin eröffnete die Chemie akademische und berufliche Möglichkeiten, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkt jüdische Akademiker anzogen. Etwa 21 Prozent der akademischen Chemiker im deutschsprachigen Raum waren jüdischer Herkunft.<a id="a16" href="#f16"><sup>[16]</sup></a> Im Vergleich dazu lag der jüdische Anteil in der Biologie, einem Fach ohne vergleichbare Berufsperspektiven, nur bei acht Prozent. Jüdische Akademiker mit Interesse für Biologie wichen auf die Fächer Chemie oder Medizin aus und nahmen dieses Studium als Ausgangspunkt für biologische oder biochemische Forschung. Vor allem in praxisbezogenen Bereichen, an privaten Forschungseinrichtungen und an den neuen Technischen Hochschulen etablierte sich eine neue Interdisziplinarität.<a id="a17" href="#f17"><sup>[17]</sup></a> In der Elektrochemie und bei der Herstellung synthetischer Farbstoffe sowie der Arzneimittelproduktion gelangen jüdischen Chemikern bis heute nachwirkende Erfindungen. So entwickelten Felix Hoffmann und Arthur Eichengrün bei Bayer in Leverkusen das Medikament Aspirin.</p>



<p>Der Forscher Paul Ehrlich (1854–1915) begründete Anfang des 20. Jahrhunderts die Chemotherapie und entwickelte ein Medikament zur Bekämpfung der Syphilis. <strong>(Bild 12) </strong>Ehrlich hatte 1878 an der Universität Leipzig bei Julius Cohnheim über die Verwendung von Anilinfarbstoffen zur Gewebefärbung und Bakteriendiagnostik promoviert.<a id="a18" href="#f18"><sup>[18]</sup></a> <strong>(Bild 13)</strong> Bereits während seines Medizinstudiums war er durch den ebenfalls in Leipzig wirkenden Pathologen Carl Weigert, seinen Vetter, zu Experimenten mit Farbstoffen angeregt worden. Seine Kenntnisse in der Organischen Chemie hatte er sich im Eigenstudium angeeignet und hatte dann als einer der Ersten chemische Konzepte in der Medizin erfolgreich angewendet.<a id="a19" href="#f19"><sup>[19]</sup></a></p>



<p>Nach seiner Leipziger Zeit arbeitete er als Arzt an der Berliner Charité. Allerdings forschte er auch weiterhin an der Schnittstelle von Chemie, Biologie und Medizin und befand sich lieber im Labor als am Krankenhausbett. Dem innovativen Charakter seiner Forschungen entsprach damals noch keine universitäre Struktur. Als er 1890 als Anerkennung seiner Leistungen zum Extraordinarius berufen wurde, zog er die Tätigkeit in seinem privat eingerichteten Forschungslabor der Lehre an der Hochschule vor. Der mit ihm befreundete Robert Koch erkannte den genialen Forschergeist Ehrlichs und holte ihn an sein Berliner Institut für Infektionskrankheiten. Hier wurden Methoden zur Erkennung bakterieller Krankheitserreger und neue Heilmittel erforscht.</p>
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<p>Gemeinsam mit Emil Behring entwickelte Ehrlich ein Serum gegen Diphterie, eine der bis dahin häufigsten Ursachen der hohen Kindersterblichkeit. Darauf aufbauend formulierte er eine Theorie der Antikörperbildung, die zur Grundlage für das Verständnis des menschlichen Immunsystems wurde. 1908 erhielt Ehrlich den Nobelpreis für Medizin. Als Direktor des Königlichen Instituts für Experimentelle Therapie wechselte er 1899 nach Frankfurt am Main, wo ihm auch mit Hilfe privater Spenden die Herstellung des ersten synthetischen Antibiotikums gelang.</p>



<p>Ehrlich konvertierte nie und setzte sich zudem für eine jüdisch-nationale Heimstätte ein. 1913 besuchte ihn Chaim Weizmann, damals renommierter Chemiker in England und später Präsident des Zionistischen Weltkongresses, in seinem Frankfurter Institut und gewann ihn für die Unterstützung einer jüdischen Universitätsgründung in Jerusalem.<a id="a20" href="#f20"><sup>[20]</sup></a> Gleichwohl dachte Ehrlich wie viele seiner jüdischen Zeitgenossen deutsch-national. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges gehörte er zu den prominenten Unterzeichnern des Aufrufs <em><a rel="noreferrer noopener" aria-label="An die Kulturwelt (öffnet in neuem Tab)" href="https://ghdi.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=938" target="_blank">An die Kulturwelt</a></em>, mit dem sich deutsche Wissenschaftler und Künstler hinter die deutsche Kriegszielpolitik stellten und diese vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu legitimieren suchten. Ehrlich starb 1915 und erlebte so das Anwachsen des Antisemitismus im Zuge der ausbleibenden Kriegserfolge nicht mehr. Sowohl seine nationale politische Verortung als auch sein Berufsweg, auf dem er wissenschaftliches Neuland jenseits etablierter akademischer Sphären betrat, sind typisch für jüdische Lebenswege im deutschsprachigen Raum um die Jahrhundertwende.</p>



<p>Natürlich gelangen nur den wenigsten Wissenschaftlern in gleichem Maße wie Ehrlich herausragende Erfindungen und Entdeckungen. Doch zeigte die Orientierung auf disziplinübergreifende und anwendungsorientierte Bereiche ein wiederkehrendes Muster. In dieses passt auch der Lebensweg von Joachim (Chaim) Buslik (1874–1947). Buslik, Sohn eines Rauchwarenhändlers aus Klewan im russischen Zarenreich, studierte in den Sommersemestern 1899 und 1900 Chemie in Leipzig. <strong>(Bild 14 und 15) </strong>Nach seinem Abschluss in Pharmazie an der Universität in Kiew kehrte er wenige Jahre später erneut nach Leipzig zurück und promovierte dort 1908 bei Ernst-Otto Beckmann, dem damaligen Direktor des Labors für angewandte Chemie. Im selben Jahr kaufte Buslik, dessen Eltern mittlerweile ebenfalls nach Leipzig, das mitteleuropäische Zentrum der Pelzverarbeitung, übergesiedelt waren, ein chemisches Labor in der Leipziger Keilstraße und erweiterte dieses um eine Röntgenabteilung. Das Institut gehörte zu den ersten Einrichtungen der Röntgendiagnostik in Sachsen. Neben Kursangeboten für Ärzte, Chemiker und Apotheker in Bakteriologie, Serologie und klinischer Chemie wurden hier zudem Labor- und Röntgenassistenten ausgebildet. 1927 erkannte das Sächsische Wirtschaftsministerium die Einrichtung als Höheres Lehrinstitut an. Die Absolventen verließen das Institut nach einem erfolgreichen Abschluss mit einem Staatsexamen. Im April 1933 verlor die gewerbliche Lehranstalt ihre staatliche Anerkennung. Einen Monat später floh Joachim Buslik in die Schweiz.<a id="a21" href="#f21"><sup>[21]</sup></a></p>
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<p>In der innovativen Entwicklung der Chemie nahm die sächsische Landesuniversität mit der Einrichtung des ersten deutschen Lehrstuhls für physikalische Chemie 1871 und der 1887 erfolgten Berufung des späteren Nobelpreisträgers Wilhelm Ostwald auf diese Stelle eine Voreiterrolle ein.<a id="a22" href="#f22"><sup>[22]</sup></a> Zur Professur von Ostwald gehörten drei etatmäßige Assistenzstellen, die mit der Leitung separater Abteilungen (Physikalisch-Chemische Abteilung, Analytische Abteilung, Pharmazeutische Abteilung) beauftragt waren. Von 1895 bis 1897 wurde die Physikalisch-Chemische Abteilung von Georg Bredig (1868–1944) geleitet. Bredig stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie im niederschlesischen Glogau, wechselte aber 1900 zum evangelischen Glauben.<a id="a23" href="#f23"><sup>[23]</sup></a> Während seines Studiums der Physik und Chemie kam er mit der physikalischen Chemie in Kontakt und zeigte sich von dem neuen Fach begeistert. Daraufhin zog es ihn zu Wilhelm Ostwald nach Leipzig, bei dem er 1893 promovierte. Dem Rat seiner Eltern folgend studierte er auch eine Zeit lang Medizin, was als sichere Berufsorientierung erschien. <strong>(Bild 16) </strong>Im Jahr seiner Konversion erhielt er in Leipzig die Lehrbefugnis <strong>(Galerie 2)</strong>, ein Jahr später wurde er zum ersten Professor für physikalische Chemie an der Universität Heidelberg berufen und wechselte von dort 1911 als ordentlicher Professor an die Technische Hochschule in Karlsruhe. Der Begründer des chemischen Teilgebiets der Katalyse wurde 1933 emeritiert, nachdem er zuvor aufgrund seiner jüdischen Herkunft beim Ministerium für Kultus denunziert worden war. Während der Novemberpogrome 1938 gehörte Bredig zu hunderten verhafteten Juden in Karlsruhe und war Schikanen der Nationalsozialisten ausgesetzt. Dies veranlasste ihn zur Flucht, die ihn über die Niederlande in die Vereinigten Staaten führte. Bis zu seinem Tod in New York 1944 lebte er in Angst um Familienangehörige und Freunde, die weiter in Europa festsaßen.<a id="a24" href="#f24"><sup>[24]</sup></a> </p>



<p>Ein anderer Schüler Ostwalds war Carl Drucker (1876–1959), Sohn des Justizrates Martin Drucker sen., seinerzeit der zweite in Sachsen zugelassene jüdische Anwalt, der wenig später konvertierte.<a id="a25" href="#f25"><sup>[25]</sup></a> Carl Drucker wuchs in Leipzig auf, wo er auch studierte. <strong>(Bild 17)</strong> Promotion und Habilitation erfolgten bei Ostwald, für den er ab 1902 als Assistent arbeitete. 1911 wurde er in seiner Heimatstadt zum außerordentlichen Professor berufen. <strong>(Galerie 3)</strong> Nach seinem Militärdienst im Ersten Weltkrieg kehrte er nach Leipzig zurück und wirkte unter anderem als einer der Herausgeber der <em>Zeitschrift für physikalische Chemie</em>. Gemeinsam mit seinem Doktoranden Erich Simon Proskauer (1903–1991) <strong>(Bild 18) </strong>veröffentlichte er 1932/33 das <em>Physikalisch-chemische Taschenbuch</em> in zwei Bänden. Drucker verlor 1933 die Lehrbefugnis und sah sich zur Emigration nach Schweden gezwungen. Proskauer flüchtete 1937 aus Deutschland in die Vereinigten Staaten. Hier gründete er den Wissenschaftsverlag <em>Interscience</em>, wobei ihm seine Erfahrungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Akademischen Verlagsanstalt Leipzig zugutekamen. Der Verlag wurde später vom renommierten Wissenschaftsverlag John Wiley &amp; Sons übernommen. Proskauer stand diesem zuletzt als Direktor vor.<a id="a26" href="#f26"><sup>[26]</sup></a></p>



<p>Auch der in Warschau in eine jüdisch-polnische Familie geborene Kazimierz Fajans (1887–1975) studierte noch bei Ostwald, <strong>(Bild 19)</strong> promovierte und habilitierte später bei Georg Bredig in Heidelberg und Karlsruhe. Ab 1917 wirkte er als außerordentlicher Professor in München und baute dort ab 1925 als Ordinarius das Institut für Physikalische Chemie auf.<a id="a27" href="#f27"><sup>[27]</sup></a> <strong>(Bild 20)</strong> Nach seiner Zwangsversetzung in den Ruhestand 1935 emigrierte er in die Vereinigten Staaten und arbeitete bis 1957 als Professor an der Universität Ann Arbor, Michigan.<a id="a28" href="#f28"><sup>[28]</sup></a> Fajans war einer von vier jüdischen Ordinarien die 1932 an der Spitze der 15 Institute für Physikalische Chemie in Deutschland standen.<a id="a29" href="#f29"><sup>[29]</sup></a> </p>
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<p>Etwa 32 Prozent der deutschen Wissenschaftler in der Physikalische Chemie und 29 Prozent in der Biochemie waren jüdischer Herkunft. In den klassischen Bereichen der organischen und anorganischer Chemie lag der Anteil bei 17 und 14 Prozent.<a id="a30" href="#f30"><sup>[30]</sup></a></p>



<p>Die Attraktivität eines Chemie-Studiums reichte bis in die Jahre der Weimarer Republik. So begann <strong><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=4542" data-type="post" data-id="4542">Esther Bamberger (geb. Dym, 1906–1963)</a></strong> Mitte der 1920er Jahre ihr Chemiestudium in Leipzig, schloss 1932 ihre Promotion ab, bekam aber erst nach dem Druck ihrer Arbeit 1935 ihre Promotionsurkunde. Diese wurde ihr nur aufgrund der Unterstützung des Geophysikers Ludwig Weickmann und des Chemikers Burkhardt Helferich nach Jerusalem nachgesendet, wohin Bamberger geflüchtet war. Später arbeitete sie an der Bibliothek der Hebräischen Universität als Leiterin der Abteilung für Physik und Chemie.<a href="#f31" id="a31"><sup>[31]</sup></a></p>



<p>Der Doktorvater Bambergers war Arnold Weissberger (1898–1984), damals Privatdozent und Experte im klassischen Bereich der organischen Chemie, der bereits zwei Jahre vor seiner Habilitation 1928 das Lehrbuch <em>Grundriß der organischen Chemie </em>veröffentlicht hatte.<a id="a32" href="#f32"><sup>[32]</sup></a> Der in Chemnitz als Sohn eines Fabrikdirektors geborene Weissberger hatte, nachdem er vom Kriegsdienst zurückgekehrt war, in Leipzig mit dem Jurastudium begonnen, wechselte dann aber zur Chemie. <strong>(Bild 21 und 22) </strong>Noch am 6. Februar 1933 schlug eine Kommission der Philosophischen Fakultät seine Berufung zum außerordentlichen Professor vor, was allerdings an den inzwischen eingetretenen politischen Verhältnissen scheiterte. Nach der Entlassung ging Weissberger über Oxford in die Vereinigten Staaten. Hier arbeitete er nicht nur mit Erich Proskauer in dessen Wissenschaftsverlag zusammen, sondern bis 1975 auch in leitenden Funktionen bei der Eastman Kodak Co. in Rochester. Die Firma zählte zu den weltweit führenden Ausrüstern der sich rasch verbreitenden Freizeitfotografie.</p>



<p>Die Mehrzahl der Leipziger Naturwissenschaftler und Mathematiker unternahm nichts, als ihre jüdischen Kollegen entlassen wurden. Fälle von Zivilcourage waren selten, in der Öffentlichkeit geäußerte Kritik die absolute Ausnahme. Für viele, insbesondere ältere jüdische Wissenschaftler brach mit den Maßnahmen der Nationalsozialisten eine Welt zusammen. Für sie bedeuten Lehre und Forschung an einer deutschen Universität, sich im Dienste von Fortschritt und Humanität zu betätigen. Doch auch für die Universität war die Konsequenz der nationalsozialistischen Politik einschneidend. Denn mit der Vertreibung ihrer jüdischen Wissenschaftler endete nicht nur ihre teilweise wissenschaftliche Weltgeltung, sondern mehr noch ihre Teilhabe an einer modernen akademischen Kultur.</p>
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<p><a id="f1" href="#a1"><sup>[1]</sup></a> Ute Deichmann, Erfolg und Fachdisziplin. Juden in Chemie und Biomedizin in Deutschland bis 1933, in: Dan Diner (Hg.), Jahrbuch des Simon Dubnow Instituts, Bd. 3, Göttingen 2004, 267–292, hier 271.</p>



<p><a id="f2" href="#a2"><sup>[2]</sup></a> Dieter Michel/Volker Riede, Physik, in: Ulrich von Hehl u.a. (Hg.), Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Bd. 4<span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">, Leipzig 2009, </span>1228–1808, hier 1236; vgl. auch Helmut Reichenberg/Gerald Wiemers: ,Einstein als Eckstein&#8216;. Von der klassischen zur modernen Physik an der Universität Leipzig, in Stephan Wendehorst (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, Leipzig 2006, 377–388, hier bes. 377–378.</p>



<p><a id="f3" href="#a3"><sup>[3]</sup></a> Helmut Rechenberg, Werner Heisenberg.<span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color"> Die Sprache der Atome. Leben und Wirken. Eine wissenschaftliche Biografie, Bd. 1, </span>Berlin/Heidelberg 2010, 694.</p>



<p><a id="f4" href="#a4"><sup>[4]</sup></a> Konrad Lindner, Heisenbergs jüdische Meisterschüler. Zur Physik in der Weimarer Republik, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=679" target="_blank">https://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=679</a> (letzer Aufruf: 12.02.2020).</p>



<p><a id="f5" href="#a5"><sup>[5]</sup></a> Gerald Wiemers, Verfolgung und Vertreibung 1933–1935. Die Mathematisch-naturwissenschaftliche Abteilung der Philosophischen Fakultät und ihre jüdischen Wissenschaftler, in: Stephan Wendehorst (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, 563–590, hier 563.</p>



<p><a href="#a6" id="f6"><sup>[6]</sup></a> Um Felix Blochs wissenschaftliches Wirken in Leipzig und darüber hinaus zu würdigen, wurde 2018 die zweijährliche Felix-Bloch-Lecture durch das Felix-Bloch-Institut für Festkörperphysik Leipzig ins Leben gerufen; vgl. <a href="https://www.physgeo.uni-leipzig.de/fbi/profil-1/felix-bloch-lecture-leipzig" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.physgeo.uni-leipzig.de/fbi/profil-1/felix-bloch-lecture-leipzig</a> (letzter Aufruf: 25.01.2022).</p>



<p><a id="f7" href="#a7"><sup>[7]</sup></a> Weiße Juden in der Wissenschaft, in: Das Schwarze Korps, 15. Juli 1937, 6, hier zit. n. Universitätsarchiv Leipzig, PA560 Werner Heisenberg, Bl. 31.</p>



<p><a id="f8" href="#a8"><sup>[8]</sup></a> Vgl. Reinald Schröder, Welteislehre, Ahnenerbe und ,weiße Juden&#8216;. Kuriosa aus der Wissenschaftspolitik im ,Dritten Reich‘, in: Die Zeit<span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color"> 17 (1991),</span> <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.zeit.de/1991/17/welteislehre-ahnenerbe-und-weisse-juden" target="_blank">https://www.zeit.de/1991/17/welteislehre-ahnenerbe-und-weisse-juden</a> (letzter Aufruf: 13.02.2022).</p>



<p><a id="f9" href="#a9"><sup>[9]</sup></a> Ebd.</p>



<p><a id="f10" href="#a10"><sup>[10]</sup></a> Ernst Peter Fischer, Werner Heisenberg. Ein Wanderer zwischen zwei Welten, Heidelberg 2015, hier bes. 270.</p>



<p><a id="f11" href="#a1"><sup>[11]</sup></a> Christian Kleint/Gerald Wiemers (Hgg.), Werner Heisenberg im Spiegel seiner Leipziger Schüler und Kollegen, Leipzig 2006, hier bes. 151–152.</p>



<p><a id="f12" href="#a12"><sup>[12]</sup></a> Kati Marton, Die Flucht der Genies. Neun ungarische Juden verändern die Welt, Frankfurt am Main 2010, 9.</p>



<p><a id="f13" href="#a13"><sup>[13]</sup></a> Wiemers, Verfolgung und Vertreibung 1933–1935, 588.</p>



<p><a id="f14" href="#a14"><sup>[14]</sup></a> Marton, Die Flucht der Genies, 260–264.</p>



<p><a id="f15" href="#a15"><sup>[15]</sup></a> Anthony Travis, Art. Chemie, in: Dan Diner (Hg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 1, Stuttgart/Weimar 2011, 489–502, hier 499.</p>



<p><a id="f16" href="#a16"><sup>[16]</sup></a> Deichmann, Erfolg und Fachdisziplin, 273.</p>



<p><a id="f17" href="#a17"><sup>[17]</sup></a> Vgl. Travis, Art. Chemie, 499.<span class="has-inline-color has-vivid-red-color"></span></p>



<p><a id="f18" href="#a18"><sup>[18]</sup></a> Fritz Stern, Paul Ehrlich. Der Forscher in seiner Zeit, in: Angewandte Chemie 116 (2004), 4352–4359.</p>



<p><a id="f19" href="#a19"><sup>[19]</sup></a> Deichmann, Erfolg und Fachdisziplin, 273.</p>



<p><a id="f20" href="#a20"><sup>[20]</sup></a> Stern, Paul Ehrlich, 4358.</p>



<p><a id="f21" href="#a21"><sup>[21]</sup></a> Barbara Kowalzik, Das jüdische Schulwerk in Leipzig 1912–1933, Köln u.a. 2002, 221–223.</p>



<p><a id="f22" href="#a22"><sup>[22]</sup></a> Lothar Beyer/Helmut Papp, Fakultät für Chemie und Mineralogie, in: Ulrich von Hehl u.a. (Hg.), Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Bd.4,<span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color"> Leipzig 2009, </span>1335–1408, hier 1342–1343.</p>



<p><a id="f23" href="#a23"><sup>[23]</sup></a> Alexander Kipnis, Georg Bredig, in: Badische Biographien<span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">. Neue Folge, Bd. 6, Stuttgart 2011, 44–47.</span></p>



<p><a id="f24" href="#a24"><sup>[24]</sup></a> Ebd.</p>



<p><a id="f25" href="#a25"><sup>[25]</sup></a> Hubert Lang, Zwischen allen Stühlen. Juristen jüdischer Herkunft in Leipzig (1848–1953), <span class="has-inline-color has-very-dark-gray-color">Kaufering 2014,</span> 309–310.</p>



<p><a id="f26" href="#a26"><sup>[26]</sup></a> Wiemers, Verfolgung und Vertreibung 1933–1935, 585–586.</p>



<p><a id="f27" href="#a27"><sup>[27]</sup></a> Aleksander Hertz, The Jews in Polish Culture, Evanston, Il. 1988, 236.</p>



<p><a id="f28" href="#a28"><sup>[28]</sup></a> Wiemers, Verfolgung und Vertreibung 1933–1935, 579.</p>



<p><a id="f29" href="#a29"><sup>[29]</sup></a> Deichmann, Erfolg und Fachdisziplin, 278.</p>



<p><a id="f30" href="#a30"><sup>[30]</sup></a> Ebd., 276–277.</p>



<p><a id="f31" href="#a31"><sup>[31]</sup></a> Wiemers, Verfolgung und Vertreibung 1933–1935, 577.</p>



<p><a id="f32" href="#a32"><sup>[32]</sup></a> Ebd., 588.</p>


</p>
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<p><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=262">Mathematik</a>&lt;&lt; >><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=2753">Antisemitischer Ausschluss</a></p>
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		<title>Antisemitischer Ausschluss</title>
		<link>https://gelehrte.dubnow.de/physik-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Feb 2020 10:53:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 11. November 1933 versammelten sich in der Leipziger Alberthalle mehrere Tausend Akademiker und bekannten sich demonstrativ zu Adolf Hitler.[1] Organisiert wurde das Ereignis vom Nationalsozialistischen Lehrerbund und der Landesuniversität in Vorbereitung auf die einen Tag später stattfindende Volksabstimmung über den Austritt des Deutschen Reiches aus dem Völkerbund. Einen schriftlichen Aufruf dazu unterzeichneten über 900 [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image alignwide size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="932" height="543" src="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/09/ANTISEMITISCHER_AUSSCHLUSS_Titelbild.jpg" alt="" class="wp-image-3823" srcset="https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/09/ANTISEMITISCHER_AUSSCHLUSS_Titelbild.jpg 932w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/09/ANTISEMITISCHER_AUSSCHLUSS_Titelbild-300x175.jpg 300w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/09/ANTISEMITISCHER_AUSSCHLUSS_Titelbild-768x447.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 932px) 100vw, 932px" /><figcaption class="wp-element-caption">Schreiben des Nationalen Ausschusses vom 30. März 1933 | UAL</figcaption></figure>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-drop-cap">Am 11. November 1933 versammelten sich in der Leipziger Alberthalle mehrere Tausend Akademiker und bekannten sich demonstrativ zu Adolf Hitler.<a id="a1" href="#f1"><sup>[1]</sup></a> Organisiert wurde das Ereignis vom Nationalsozialistischen Lehrerbund und der Landesuniversität in Vorbereitung auf die einen Tag später stattfindende Volksabstimmung über den Austritt des Deutschen Reiches aus dem Völkerbund. Einen <a rel="noreferrer noopener" href="http://www.archive.org/stream/bekenntnisderpro00natiuoft#page/2/mode/2up" target="_blank">schriftlichen Aufruf</a> dazu unterzeichneten über 900 Professoren, Dozenten und Universitätsangehörige verschiedener Universitäten, von denen viele auch aus Leipzig stammten. Zu den Rednern der Proklamationsveranstaltung gehörten neben dem Philosophen Martin Heidegger (1889–1976) auch der Rektor der Leipziger Universität Richard Arthur Golf (1877–1941) und der Leipziger Rechtswissenschaftler Eberhard Schmidt (1891–1977).</p>



<p>Das Ereignis zeigte, dass ein Teil der Universitätsangehörigen die Machtübertragung an die Nationalsozialisten trotz deren plakativ antiintellektuellen Auftretens begrüßte oder ihr zumindest opportunistisch gegenüberstand. Antidemokratische Grundhaltungen, judenfeindliche Einstellungen und ein völkisches Verständnis nationaler Zugehörigkeit teilten jedenfalls auch höher Gebildete mit den zumeist kleinbürgerlichen Anhängern der NSDAP, denen oftmals nur ihr „Radauantisemitismus“ vorgeworfen wurde. Der im Frühjahr 1933 begonnene Umbau des Bildungssystems führte an den Hochschulen jedenfalls kaum zu Unmutsäußerungen.<a id="a2" href="#f2"><sup>[2]</sup></a></p>



<p>Zunächst kennzeichnete die nationalsozialistische Hochschulpolitik ein Kompetenzgerangel unterschiedlicher Machtinstanzen. Die Widersprüchlichkeit zeigte sich beispielsweise bei der Durchsetzung des „Führerprinzips“ an den Hochschulen. Fortan war der Rektor einer Hochschule als „Führer“ seiner Einrichtung dem Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung unterstellt. Formen akademischer Selbstverwaltung gingen zugunsten einer zentralstaatlichen Struktur verloren. Andererseits blieben personelle Entscheidungsbefugnisse weitgehend Sache der Landesbehörden. Ganz eindeutig aber richtete sich die Umgestaltung der Hochschulen gegen politische Gegner und rassistisch Verfolgte des Nationalsozialismus.</p>



<p>Am 7. April 1933 trat das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ in Kraft. Am 25. April 1933 folgte ein „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“, das sich vor allem gegen jüdische Studenten richtete. Vom sogenannten „Berufsbeamtengesetz“ waren etwa 19 Prozent der deutschen Hochschullehrer betroffen. Wegen missliebiger politischer Betätigung oder aufgrund ihrer „nichtarischen“ Herkunft verloren sie ihre Stellen, oftmals auch ihre akademischen Titel. Die Älteren unter ihnen wurden in den vorzeitigen Ruhestand gezwungen.<a id="a3" href="#f3"><sup>[3]</sup></a></p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>An der Universität Leipzig fanden diese Maßnahmen bei einem großen Teil der Studenten Zustimmung. Schon im Wintersemester 1931/32 hatte an der Landesuniversität der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund die Wahlen zum Allgemeinen Studentenausschuss gewonnen. Immer wieder organisierten seine Mitglieder antisemitische Kampagnen, die auch nach dem Januar 1933 fortgeführt wurden.<a id="a4" href="#f4"><sup>[4]</sup></a> So gründeten nationalsozialistische Studenten am 30. März 1933 den Nationalen Ausschuss für die Erneuerung der Universität Leipzig.<strong> </strong>Dieser <a rel="noreferrer noopener" href="https://research.uni-leipzig.de/agintern/UNIGESCH/ug232.htm" data-type="URL" data-id="https://research.uni-leipzig.de/agintern/UNIGESCH/ug232.htm" target="_blank">forderte</a> ein prinzipielles Verbot der Anstellung jüdischer und nichtdeutscher Hochschullehrer. Es folgten Kampagnen gegen einzelne Professoren und Dozenten, die ihre Wirkung auf das Dresdner Volksbildungsministerium nicht verfehlten: Noch bevor die gesetzlichen Regelungen der neuen Machthaber in Kraft traten, wurden in Leipzig Hochschullehrer entlassen.<a id="a5" href="#f5"><sup>[5]</sup></a></p>



<p>Zu den Opfern der ersten Entlassungswelle zählten der Osteuropahistoriker Georg Sacke (1902–1945), der Nationalökonom Gerhard Kessler (1883–1963) sowie der Zeitungswissenschaftler Erich Everth (1878–1934). Alle drei waren als Gegner des Nationalsozialismus aufgetreten. Nach Diffamierungen in der Tagespresse und Boykotten von Lehrveranstaltungen wurden sie noch im Frühjahr 1933 von ihrer Lehrtätigkeit entbunden.<a id="a6" href="#f6"><sup>[6]</sup></a> <strong>(Bild 1)</strong></p>



<p>Selbst nachdem gesetzliche Maßnahmen gegen jüdische Hochschullehrer beschlossen waren, forderten nationalsozialistische Studenten eine schnellere und schärfere Anwendung. Sie lancierten einen Zeitungsartikel gegen den Mathematiker <a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=2753"><strong>Leon Lichtenstein (1878–1933)</strong></a>, der dessen Weiterbeschäftigung an der Universität skandalisierte<strong>. (Bild 2)</strong> Der herz- und nierenkranke Lichtenstein starb in den darauffolgenden Semesterferien wohl auch an den Folgen der aufreibenden öffentlichen Diskussion um seine Person.<a href="#f7" id="a7"><sup>[7]</sup></a> Aufgrund der fortgesetzten studentischen Kampagnen sah sich die Ministerialregierung Sachsens gezwungen, ihre Verwaltungshoheit in personellen Fragen der Hochschulen nochmals zu bekräftigen.<a href="#f8" id="a8"><sup>[8]</sup></a> Dies bedeutete jedoch nicht das Ende der Vertreibungen, sondern lediglich ihre Einpassung in bestehende Verwaltungsstrukturen. Fortan waren es die Dekane der jeweiligen Fakultäten, die jene Hochschullehrer zu benennen hatten, auf welche die Ausschlusskriterien des „Berufsbeamtengesetzes“ zutrafen.</p>



<p>Dieses Gesetz richtete sich im dritten Paragrafen gegen „nichtarische“ Beamte, beinhaltete jedoch auch eine Ausnahmeregelung: So konnte von einer Entlassung abgesehen werden, wenn die betreffende Person bereits vor dem 1. August 1914 verbeamtet war oder als Frontkämpfer am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte. Diese Ausnahmeregelung galt nicht für Hochschullehrer, denen kommunistisches oder sozialdemokratisches Engagement (§ 2) zur Last gelegt wurde oder welche aus anderen Gründen als politisch unzuverlässig galten (§ 4). Schließlich konnten Entlassungen mit verwaltungstechnischen Notwendigkeiten (§ 6) begründet werden. Auf diese Weise wurde eine Möglichkeit geschaffen, das für viele jüdische Professoren geltende Frontkämpferprivileg außer Kraft zu setzen.</p>
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<p>Bis zum Sommer 1933 wurden an der Leipziger Universität 13 Hochschullehrer mit jüdischer Herkunft in den Ruhestand versetzt oder entlassen.<a id="a9" href="#f9"><sup>[9]</sup></a> <strong>(Bild 3)</strong> Vereinzelt kam es dabei zu Versuchen, die offiziellen Anordnungen zu umgehen. So unterstützten die Dekane der Philosophischen Fakultät Hans Freyer (1887–1969) und Ludwig Weickmann (1882–1961) die Mathematiker Levi und Lichtenstein. In einem Schreiben an das Ministerium hoben sie deren wissenschaftliche Leistungen als auch ihre vaterländischen Verdienste hervor. Doch selbst in dem Bemühen, die anerkannten Professoren an der Fakultät zu halten, wagten oder erwogen sie keinen grundlegenden Widerspruch gegen den antisemitischen Hintergrund der geplanten Entlassungen. So heißt es am Ende der Schreibens: „Wir begrüßen durchaus die auf die Zurückdrängung des jüdischen Einflusses an den deutschen Hochschulen gerichteten Bestrebungen der Regierung, dürfen aber hervorheben, daß die Philosophische Fakultät Leipzig zu den am wenigsten ‚verjudeten‘ Fakultäten gerechnet werden kann. Daß ein irgendwie bedrohlicher Einfluß des jüdischen Elements auf den Geist der Fakultät zu konstatieren und zu befürchten wäre, können wir mit gutem Gewissen verneinen.“<a id="a10" href="#f10"><sup>[10]</sup></a> <strong>(Bild 4) </strong>Es lässt sich nicht mit letzter Sicherheit feststellen, in welchem Grad diese Bezugnahme auf die antisemitische Hochschulpolitik des Regimes taktischen Überlegungen oder, bereits zu diesem Zeitpunkt, voller ideeller Überzeugung geschuldet war.</p>



<p>Die nationalsozialistische Personalpolitik traf zum Teil junge Berufsanfänger, wie den Rechtshistoriker Martin David (1898–1986). Einigen von ihnen gelang vergleichsweise früh die Emigration. David wurde 1925 in Leipzig promoviert und hatte sich 1930 mit einer Arbeit über Römisches Recht habilitiert. Er emigrierte in die Niederlande, wo er bereits ab Oktober 1933 wieder als Hochschullehrer arbeiten konnte und mit dem Erwerb der niederländischen Staatsbürgerschaft zumindest bis zur deutschen Besetzung Schutz und Anerkennung fand.</p>



<p>Anders erging es dem Wirtschaftshistoriker Alfred Doren (1869–1934). <strong>(Bild 5) </strong>Bereits deutlich älter und auf dem Höhepunkt seiner Karriere stehend, versuchte er, sich in Leipzig zu behaupten. Die beiden Bände seines Hauptwerks <em>Studien aus der Florentiner Wirtschaftsgeschichte</em> stammten aus den Jahren 1901 und 1908. In Selbstverständnis und Habitus verstand er sich als Mitglied der deutschen Kulturnation. Umso schwerer fiel ihm die Einsicht, dass der an die Macht gekommene völkisch-biologistische Antisemitismus seine kulturelle Zugehörigkeit zur deutschen Nation grundsätzlich dementierte. Seit 1908 wirkte Doren in Leipzig als außerordentlicher Professor. 1914 meldete er sich mit Mitte Vierzig freiwillig zum Kriegsdienst. Da man ihn für den Fronteinsatz als untauglich einstufte, wertete er in der Politischen Abteilung des Generalgouvernements Belgien Archivakten aus. 1923 kehrte Doren nach einem zwischenzeitlichen Aufenthalt in Berlin auf ein Extraordinariat für Wirtschaftsgeschichte nach Leipzig zurück. Als er im April 1933 als einer der ersten Hochschullehrer jüdischer Herkunft nach den Bestimmungen des „Berufsbeamtengesetzes“ entlassen werden sollte, attestierte ihm der Dekan der Philosophischen Fakultät eine zweifelsfrei vaterländische Einstellung. <strong>(Bild 6) </strong>Diese Bemühungen blieben ohne Erfolg. Noch im Frühjahr 1933 verlor Doren seine Stellung und verstarb im Jahr darauf. <strong>(Bild 7)</strong></p>
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<p>Auch dem Germanisten <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=2327">Georg Witkowski</a> (1863–1939) widerfuhr die kompromisslose Zurücknahme des Versprechens kultureller Teilhabe und Integration als kaum fassbarer Schicksalsschlag. <strong>(Bild 8) </strong>Der viele Jahre an der Universität Leipzig tätige Professor für deutsche Sprache und Literatur thematisierte in seinen privaten, für die Familie 1937 geschriebenen Lebenserinnerungen seine Entlassung aus der Universität lediglich als „Missgeschick“, über das der „Schleier des Vergessens“ zu breiten sei.<a id="a11" href="#f11"><sup>[11]</sup></a> Sie markieren den Versuch, die erfahrene Ablehnung und Ausgrenzung sprachlich zu minimieren. Dem düsteren Ende zum Trotz hielt Witkowski, der sein Arbeitsleben den deutschen Klassikern und insbesondere Goethe gewidmet hatte, auch nach seiner Entlassung an seinem Glauben an kulturelle Zugehörigkeit fest.<a id="a12" href="#f12"><sup>[12]</sup></a><strong> </strong>Diese Auffassung war für den 1896 zum Protestantismus konvertierten Germanisten vor allem in Literatur, Sprache und Theater lebendig geworden und bestärkte seinen politischen Patriotismus. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete er sich mit fast 51 Jahren als Kriegsfreiwilliger. Zwar wurde er aufgrund seines Alters abgewiesen, versuchte allerdings durch die Organisation „Vaterländischer Abende“ zur Erbauung der Leipziger Heimatfront beizutragen. Für dieses Engagement erhielt er später das Kriegsverdienstkreuz.<a id="a13" href="#f13"><sup>[13]</sup></a> Als am 6. November 1918 Abgesandte des Kieler Matrosenaufstandes Leipzig erreichten, reagierte der zur Staatstreue erzogene Gelehrte zunächst mit Ablehnung. Während der Weimarer Republik verstand sich Witkowski indes nicht als reaktionärer Gegner der Regierung. Mit Erleichterung nahm der weit über Sachsen hinaus angesehene Wissenschaftler zur Kenntnis, dass die neue republikanische Regierung nicht in den Lehrbetrieb eingriff. Zudem zeigte er sich offen für den kulturellen Aufbruch der 1920er Jahre. In Leipzig beriet und unterstützte Witkowski das städtische Theater, das von seinem jüdischen Freund Alwin Kronacher geleitet wurde. Dessen Inszenierungen zeitgenössischer Werke von Wedekind, Strindberg, Hasenclever, Brecht und Döblin machten die sächsische Handelsmetropole zu dieser Zeit zu einem Zentrum der Theateravantgarde in Deutschland.</p>



<p>Als Rezensent und Autor machte sich Witkowski angreifbar. In der Weimarer Republik machten völkische Nationalisten seine jüdische Herkunft zum Gegenstand wüster antisemitischer Kampagnen.<a id="a14" href="#f14"><sup>[14]</sup></a> Einen solchen Anlass bildete eine kritische Besprechung eines Werks des katholischen Theologen und Germanisten Josef Müller über den Dichter Jean Paul in der von Witkowski herausgegebenen <em>Zeitschrift für Bücherfreunde</em>. Müller beschwerte sich daraufhin im November 1924 beim Dekanat der Philosophischen Fakultät. Er verlangte zu wissen, ob Witkowski „polnischer Jude“ sei, und forderte „Genugtuung für dessen unehrenhaftes Verhalten“. Dieses Anliegen wurde allerdings durch den Dekan zurückgewiesen. <strong>(Bild 9)</strong></p>



<p>Am Ende seiner Laufbahn wurde Witkowski von der Universität ausgeschlossen, an der er über Jahrzehnte die Kanonisierung deutscher Literaturklassiker vorangetrieben hatte. Nachdem er 1931 noch auf Bitten der Fakultät aus dem Ruhestand zurückgekehrt war und seine Lehrtätigkeit fortgesetzt hatte, suspendierte ihn das Sächsische Ministerium für Volksbildung im April 1933. In einer anonymen Denunziation war dem Verehrer Lessings, Schillers und Goethes zuvor „eine Art der Literaturbetrachtung“ vorgeworfen worden, die „das nationale Empfinden der Hörer erheblich verletzt“ habe.<a id="a15" href="#f15"><sup>[15]</sup></a> <strong>(Bild 10)</strong> Verzweifelt wandte sich<a href="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/09/WITKOWSKI_Georg_Antwortschreiben-an-Hartnacke_AprilJuni-1933_UAL_PA_01074_Bl89ab94-komprimiert.pdf"> Witkowski an das Ministerium</a>. Er verwies auf seine Verdienste und die ihm im August 1932 durch Reichspräsident Paul von Hindenburg verliehene Goethe-Medaille. Seine Bemühungen blieben ohne Erfolg. Wenige Wochen nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verstarb Witkowski im niederländischen Exil.</p>
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<p>Den Entlassungen des Jahres 1933 folgten weitere. Sie trafen nun auch Universitätsangestellte, für die bestehende gesetzliche Ausnahmeregelungen galten. Zu ihnen gehörten im April 1935 unter anderem der Altorientalist Benno Landsberger (1890–1968) und der Religionssoziologe Joachim Wach (1898–1955). <strong>(Bild 11 und 12) </strong>Beide hatten im Ersten Weltkrieg Kriegsdienst geleistet. Dies ermöglichte zunächst ihre Weiterbeschäftigung im öffentlichen Dienst.<a id="a16" href="#f16"><sup>[16]</sup></a><strong> (Bild 13) </strong>Die Entlassungen erfolgten letztlich auf politische Initiative des sächsischen Gauleiters und glühenden Antisemiten Martin Mutschmann.<a id="a17" href="#f17"><sup>[17]</sup></a> Nachdem sich dieser im Machtkampf um die Führungsposition in Sachsen gegen den Ministerpräsidenten Manfred von Killinger durchgesetzt hatte, drängte Mutschmann auf die Entlassung der letzten jüdischen Hochschullehrer. Die amtliche Begründung der Säuberungsmaßnahmen als verwaltungstechnische Notwendigkeit war dabei nur vorgeschoben. Erst im Nachhinein billigte die Reichskanzlei den Verfolgungseifer des sächsischen Gauleiters offiziell.<a id="a18" href="#f18"><sup>[18]</sup></a></p>



<p>Mit der Einführung der „Nürnberger Rassengesetze“ am 15. September 1935 verloren die bis dahin bestehenden Ausnahmebestimmungen für Hochschullehrer jüdischer Herkunft offiziell ihre Geltung. Aufgrund der vorauseilenden Vertreibungsmaßnahmen Mutschmanns kam es nach dieser erneuten gesetzlichen Verschärfung zunächst zu keinen weiteren Entlassungen in Leipzig. Allerdings wurden dem bereits emeritierten Ägyptologen <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=966">Georg Steindorff</a> (1861–1951) und dem ebenfalls in den Ruhestand versetzten Statistiker Eugen Würzburger (1858–1938) nun zusätzlich die Lehrbefugnisse entzogen.</p>



<p>In den folgenden Jahren setzte sich die Überprüfung des Hochschulpersonals fort. Einen besonderen Fall bildete die Personalie des Kieferchirurgen Wolfgang Rosenthal (1882–1971), der 1937 seine Lehrbefugnis verlor. Rosenthal hatte sich 1918 in Leipzig habilitiert und war 1928 zum außerplanmäßigen Professor an der Medizinischen Fakultät ernannt worden. Im Mai 1933 trat er in die NSDAP ein.<a id="a19" href="#f19"><sup>[19]</sup></a> Noch im April 1936 erhielt er das Angebot, verbunden mit einer planmäßigen Professur die chirurgische Abteilung der Zahnärztlichen Universitätsklinik in Hamburg zu leiten. Den Karrieresprung verhinderte jedoch eine Mitteilung der Reichsstelle für Sippenforschung: Darin wurde Rosenthals Großvater Johannes Josef Rosenthal (1820–1878) trotz seiner Taufe 1849 als „Volljude“ eingestuft. In der Folge verlor Wolfgang Rosenthal seine Anstellung an der Leipziger Universität. Er eröffnete eine kiefernchirurgische Praxis und bemühte sich fortan, seine „arische“ Abstammung nachzuweisen. So brachte er eine eidesstattliche Erklärung seiner Schwester bei, nach der der gemeinsame Vater einer unehelichen Affäre der Großmutter mit einem deutschen Adeligen entstammte. Zudem beauftragte er eine „erb- und rassenkundliche“ Untersuchung durch das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin. Im Mai 1943 kamen die Gutachter zu dem Schluss, dass Rosenthal „deutscher oder artverwandter“ Abstammung sei. Nach dieser Rehabilitierung ging er zunächst nicht an die Universität zurück, sondern übernahm die Leitung der Luftrettungsstelle Leipzig-Mitte. Erst in der DDR machte er wieder als Hochschullehrer Karriere. Das Beispiel Rosenthal zeigt, wie zentral biologistische Grundannahmen für die Entlassungspraxis an der Universität Leipzig in der Zeit des Nationalsozialismus waren.</p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Insgesamt verloren von 1933 bis 1945 47 Professoren und Dozenten aus politischen und rasseideologischen Gründen ihre Stellung in Leipzig.<a id="a20" href="#f20"><sup>[20]</sup></a> Das entsprach etwa zwölf Prozent des gesamten Lehrkörpers.<a id="a21" href="#f21"><sup>[21]</sup></a> Die im Vergleich zu Gesamtdeutschland geringere Zahl weist daraufhin, dass bereits vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten an der sächsischen Landesuniversität weniger Gelehrte jüdischer Religion und Herkunft Anstellung fanden.</p>



<p>Von den Entlassenen gelang 28 die Emigration. Fünf kamen im Holocaust ums Leben: Der Privatdozent Ludwig Friedheim (1862–1942), Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, starb im Oktober 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt, in das er wenige Wochen zuvor verschleppt worden war.<a id="a22" href="#f22"><sup>[22]</sup></a> Dort kam im Dezember des gleichen Jahres auch Siegmund Hellmann (1872–1942)<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.holocaust.cz/en/database-of-digitised-documents/document/90030-hellmann-siegmund-death-certificate-ghetto-terezin/" data-type="URL" data-id="https://www.holocaust.cz/en/database-of-digitised-documents/document/90030-hellmann-siegmund-death-certificate-ghetto-terezin/" target="_blank"> zu Tode</a>. Der ordentliche Professor für Mittelalterliche Geschichte war 1923 gegen die Vorschläge der Fakultät auf Drängen der linkssozialistischen Regierung in Sachsen von München nach Leipzig berufen worden.<a id="a23" href="#f23"><sup>[23]</sup></a> Als linksliberalem Gelehrten, der sich immer wieder publizistisch in politische Debatten einmischte, schlug ihm an der Universität viel Ablehnung entgegen. Nach seiner Entlassung 1933 zog er sich in seine Heimatstadt München zurück. Von dort wurde er im Juli 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.</p>



<p>Ermordet wurde auch der seit 1924 an der Universität Leipzig als Lektor und später als außerordentlicher Professor für die Wissenschaft des späten Judentums tätige Lazar Gulkowitsch (1898–1941). Er emigrierte im Januar 1934 nach Estland, nachdem ihm im vorangegangenen Oktober die Lehrbefugnis entzogen worden war. Im Februar 1934 erkannte man ihm seine Einbürgerung ab. <strong>(Bild 14 und 15)</strong> An der Universität Tartu wirkte er sechs Jahre als Professor für jüdische Studien und wurde zum Begründer einer jüdischen Begriffsgeschichte. In Folge der sowjetischen Besetzung im August 1940 wurde sein Lehrstuhl aufgelöst. Im Juli 1941 marschierte die deutsche Wehrmacht in Estland ein. Zusammen mit einheimischen Kollaborateuren ermordeten deutsche Einsatzkommandos etwa 1.000 jüdische Bewohner, denen die Flucht nicht gelungen war. Unter diesen befanden sich Gulkowitsch und seine Familie.</p>



<p>Zu den Opfern des Holocaust gehörte auch Tibor Szalai (1901–1945). Szalai hatte 1928 an der Philosophischen Fakultät promoviert und arbeitete danach als Lektor. <strong>(Bild 16 und 17) </strong>Nach seiner Entlassung 1933 lebte er als Angehöriger der ungarischen Minderheit in der Tschechoslowakei. Angaben der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu Folge starb er 1945 im Konzentrationslager Oranienburg.<a id="a24" href="#f24"><sup>[24]</sup></a></p>



<p>Der Romanist Wilhelm Friedmann (1884–1942) nahm sich am 10. Dezember 1942 in der Pyrenäen-Gemeinde Bedous das Leben, nachdem er von einer deutschen Polizeistreife verhaftet worden war.<a id="a25" href="#f25"><sup>[25]</sup></a><strong> (Bild 18) </strong>Friedmann lebte mit gefälschtem Pass im von Deutschland besetzten Teil Frankreichs. Er hatte sich 1910 in Leipzig habilitiert. Nach dem Ersten Weltkrieg war er als Privatdozent für französische Gegenwartsliteratur und Lektor für Italienisch an der Universität tätig. Seine Beschäftigung mit französischer Sprache und Literatur, pazifistische Positionen sowie seine jüdische Herkunft – Friedmann war mit 18 Jahren zum Protestantismus konvertiert – wurden dem Gelehrten immer wieder vorgeworfen. 1933 wurde er als „politisch unzuverlässig“ entlassen. Zusätzlich wurde ihm wegen seiner jüdischen Herkunft die Lehrbefugnis aberkannt. <strong>(Bild 19)</strong> Friedmann emigrierte nach Frankreich. Er lehrte zunächst an der Sorbonne und der Freien Deutschen Hochschule. Nach dem Überfall der Wehrmacht im Jahr 1940 wertete er beim französischen Informationsministerium deutsche Radiosendungen aus. Nach der Niederlage floh er aus Paris und legte sich eine Tarnidentität zu. Mit seinem Freitod schützte er seine Frau und seine Tochter vor der Ergreifung.</p>
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<p>Die Vertreibung und Verfolgung von Akademikern jüdischer Religion und Herkunft setzte der Hoffnung, über Bildung und Wissenschaft gesellschaftliche Teilhabe zu erreichen, ein jähes Ende. Gleichzeitig negierten sie das Selbstbild einer weitgehend autonomen Gelehrtenuniversität, in der die Freiheit und die Qualität des Geistes als höchstes Gut galten. Während das nationalsozialistische Deutschland ganz Europa mit Krieg und Vernichtung überzog, lief der Universitätsbetrieb in Leipzig bis auf eine kurze Unterbrechung zu Beginn des Zweiten Weltkrieges weiter. Bereits mit dem Vierjahresplan von 1936 wurde das Forschungsprogramm der Hochschulen auf das Ziel ausgerichtet, Deutschland kriegsfähig zu machen. Die daraus resultierende Anwendungsorientierung beeinflusste insbesondere die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Abteilung der Philosophischen Fakultät, die Medizinische Fakultät, aber auch geisteswissenschaftliche Einrichtungen wie das Institut für Rassen- und Völkerkunde und das Indogermanische Institut.<a id="a26" href="#f26"><sup>[26]</sup></a></p>



<p>Im Laufe des Krieges beteiligten sich die nicht an die Front einberufenen Studenten und Hochschullehrer an kriegsunterstützenden Einsätzen etwa in der Rüstungsindustrie, der Landwirtschaft oder im Sanitätsdienst. Die Begeisterung für den Nationalsozialismus hatte zu diesem Zeitpunkt bereits nachgelassen. Nichtsdestotrotz war die Universität im Interesse der nationalsozialistischen Ideologie „gleichgeschaltet“. Ihre Angestellten sahen sich überwiegend als Mitläufer oder überzeugte Anhänger einer „kämpfenden Wissenschaft“. Nur in einem Fall kann von einer studentischen Widerstandsgruppe gesprochen werden: Ein kleiner Kreis um den Japanologie-Studenten Gerhard Mehnert nahm Kontakt zur illegalen KPD und zum Kommunistischen Jugendverband auf. Die Gruppe wurde 1936 zerschlagen und Mehnert zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Ansonsten hielt die Loyalität der überwiegenden Mehrzahl der Studenten und Hochschulangestellten bis zum militärischen Ende der nationalsozialistischen Herrschaft.<a id="a27" href="#f27"><sup>[27]</sup></a></p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Am 4. Dezember 1943 wurden bei einem britischen Luftangriff auf Leipzig auch große Teile der Universitätsgebäude zerstört. Bis zum April 1945 war nur noch ein Notbetrieb möglich. Mit dem Führererlass über die Bildung des Deutschen Volkssturms vom 25. September 1944 wurden die meisten der bisher noch verbliebenen Universitätsangehörigen zum Militärdienst verpflichtet. </p>
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<p><a id="f1" href="#a1"><sup>[1]</sup></a> Kurt Nowak, Protestantische Universitätstheologie und ,Nationale Revolution&#8216;, in: Leonore Siegele-Wenschkewitz/Carsten Nicolaisen (Hg.): Theologische Fakultäten im Nationalsozialismus, Göttingen 2003, 89–112, hier bes. 110–111.</p>



<p><a id="f2" href="#a2"><sup>[2]</sup></a> Vgl. Michael Grüttner, Die deutschen Universitäten unterm Hakenkreuz, in: Michael Grüttner/John Connelly (Hg.): Zwischen Autonomie und Anpassung. Universitäten in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts, Paderborn 2003, 67–100.</p>



<p><a id="f3" href="#a3"><sup>[3]</sup></a> Michael Grüttner/Sven Kinas, Die Vertreibung von Wissenschaftlern aus den deutschen Universitäten 1933–1945, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (2007), H. 1, 123–186; grundlegend vgl. auch Michael Parak, Hochschule und Wissenschaft in zwei deutschen Diktaturen. Elitenaustausch an sächsischen Hochschulen 1933–1952, Köln 2004.</p>



<p><a id="f4" href="#a4"><sup>[4]</sup></a> Ronald Lambrecht, Studenten in Sachsen 1918–1945. Studien zur studentischen Selbstverwaltung, sozialen und wirtschaftlichen Lage sowie zum politischen Verhalten der sächsischen Studentenschaften in Republik und Diktatur, Leipzig 2011, 310–346.</p>



<p><a id="f5" href="#a5"><sup>[5]</sup></a> Ulrich von Hehl, In den Umbrüchen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Universität Leipzig vom Vorabend des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. 1909 bis 1945, in: Franz Häuser (Hg.), Geschichte der Universität Leipzig, 1409–2009, Bd. 3, Leipzig 2010, 17–329, hier: 192–193.</p>



<p><a id="f6" href="#a6"><sup>[6]</sup></a> Ronald Lambrecht: Politische Entlassungen in der NS-Zeit. Vierundvierzig biographische Skizzen von Hochschullehrern der Universität Leipzig, Leipzig 2006, 20–21.</p>



<p><a id="f7" href="#a7"><sup>[7]</sup></a> Hehl, In den Umbrüchen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, 197.</p>



<p><a id="f8" href="#a8"><sup>[8]</sup></a> Lambrecht, Politische Entlassungen in der NS-Zeit, 21.</p>



<p><a id="f9" href="#a9"><sup>[9]</sup></a> Zu ihnen gehörten: Martin David, Alfred Doren, Karl Drucker, Ludwig Friedheim, Max Goldschmidt, Lazar Gulkowitsch, Hans Holldack, Erwin Jacobi, Erich Marx, Felix Skutsch, Owsei Temkin, Georg Witkowski und Adolf Zade. Angaben nach Lambrecht, Politische Entlassungen in der NS-Zeit, 23.</p>



<p><a id="f10" href="#a10"><sup>[10]</sup></a> Hehl, In den Umbrüchen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, 198.</p>



<p><a id="f11" href="#a11"><sup>[11]</sup></a> Nicolas Berg/Arndt Engelhardt/Anna Lux, Jüdische Teilhabe und antisemitischer Ausschluss. Zum Problem des Konzepts ,Nationalliteratur‘ am Beispiel der Leipziger Germanistik, in: Stephan Wendehorst (Hg.) Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, Leipzig 2006, 389–423, hier bes. 401.</p>



<p><a id="f12" href="#a12"><sup>[12]</sup></a> Nicolas Berg, Wissenschaftsglaube an die deutsche Klassik. Der Leipziger Germanist Georg Witkowski (1863–1939), unveröffentlichter Vortrag vom 26. September 2017 auf der Sitzung des Rotary-Clubs Leipzig.</p>



<p><a id="f13" href="#a13"><sup>[13]</sup></a> Georg Witkowski, Von Menschen und Büchern. Erinnerungen 1863–1933, Leipzig 2010, 184.</p>



<p><a id="f14" href="#a14"><sup>[14]</sup></a> Berg, Wissenschaftsglaube an die deutsche Klassik.</p>



<p><a id="f15" href="#a15"><sup>[15]</sup></a> Schreiben des Ministeriums für Volksbildung an Witkowski vom 29. April 1933, Universitätsarchiv Leipzig, PA 1074, Bl. 552.</p>



<p><a id="f16" href="#a16"><sup>[16]</sup></a> Entlassen beziehungsweise in den Ruhestand versetzt wurden außerdem: Leo Rosenberg (1879–1963), Bruno Moll (1885–1968), Ernst Bettmann (1899–1988), Friedrich Levi (1888–1966) und Fritz Weigert (1876–1947).</p>



<p><a id="f17" href="#a17"><sup>[17]</sup></a> Hehl, In den Umbrüchen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, 200.</p>



<p><a id="f18" href="#a18"><sup>[18]</sup></a> Lambrecht, Politische Entlassungen, 23–24.</p>



<p><a id="f19" href="#a19"><sup>[19]</sup></a> Dominik Groß, Wolfgang Rosenthal. Der prominenteste Kieferchirurg, in: ZM online, 16.05.2018, Heft 10/2018, <a href="https://www.zm-online.de/archiv/2018/10/gesellschaft/wolfgang-rosenthal-der-prominenteste-kieferchirurg/">https://www.zm-online.de/archiv/2018/10/gesellschaft/wolfgang-rosenthal-der-prominenteste-kieferchirurg/</a> (letzter Aufruf: 24.03.2022).</p>



<p><a id="f20" href="#a20"><sup>[20]</sup></a> Grüttner/Kinas, Die Vertreibung von Wissenschaftlern aus den deutschen Universitäten 1933–1945, hier bes. 179–180.</p>



<p><a id="f21" href="#a21"><sup>[21]</sup></a> Ebd., 179.</p>



<p><a id="f22" href="#a22"><sup>[22]</sup></a> Gerald Wiemers, Ludwig Friedheim, in: Leipzig-Lese, <a href="https://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=499">https://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=499</a> (letzter Aufruf: 24.03.2022).</p>



<p><a id="f23" href="#a23"><sup>[23]</sup></a> Hermann Heimpel, Hellmann, Siegmund, in: Neue Deutsche Biographie. Bd. 8, Berlin 1969, 483.</p>



<p><a id="f24" href="#a24"><sup>[24]</sup></a> Grüttner/Kinas, Die Vertreibung, von Wissenschaftlern aus den deutschen Universitäten 1933–1945, 180.</p>



<p><a id="f25" href="#a25"><sup>[25]</sup></a> Utz Maas, Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933–1945, <a href="https://zflprojekte.de/sprachforscher-im-exil/index.php/catalog/f/209-friedmann-wilhelm-reginald/">https://zflprojekte.de/sprachforscher-im-exil/index.php/catalog/f/209-friedmann-wilhelm-reginald/</a> (letzter Aufruf: 25.03.2022).</p>



<p><a id="f26" href="#a26"><sup>[26]</sup></a> Hehl, In den Umbrüchen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, 311–324. </p>



<p><a id="f27" href="#a27"><sup>[27]</sup></a> Ebd., 324–325.</p>



<p><a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=2751">Naturwissenschaften</a>&lt;&lt; &gt;&gt;<a href="https://gelehrte.dubnow.de/?p=3212">Der Neuanfang als Ende der Gelehrtenuniversität</a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Der Neuanfang als Ende der Gelehrtenuniversität</title>
		<link>https://gelehrte.dubnow.de/der-neuanfang-als-ende/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Mar 2021 08:29:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kapitel]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 18. April 1945 erreichten amerikanische Truppen Leipzig. Schon wenige Tage später erlaubten die provisorischen Besatzungsbehörden erste Schritte in Richtung einer Wiedereröffnung der Universität. Am 1. Mai 1945, also noch vor der endgültigen Kapitulation der deutschen Streitkräfte, erteilten sie die Erlaubnis zur Wahl eines neuen Rektors.[1] Zwei Wochen später wurde der Archäologe Bernhard Schweitzer als [&#8230;]]]></description>
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<figure class="wp-block-image alignwide size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="932" height="543" src="http://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/03/titelbild_neuanfang.jpg" alt="Titelbild Neuanfang, Banner bei 1. Mai Demonstration 1951, &quot;Universität-Leipzig auf dem Wege zur Volksuniversität&quot;│UAL" class="wp-image-3352" srcset="https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/03/titelbild_neuanfang.jpg 932w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/03/titelbild_neuanfang-300x175.jpg 300w, https://gelehrte.dubnow.de/wp-content/uploads/2021/03/titelbild_neuanfang-768x447.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 932px) 100vw, 932px" /><figcaption class="wp-element-caption">Demonstration am 1. Mai 1951│UAL</figcaption></figure>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-drop-cap">Am 18. April 1945 erreichten amerikanische Truppen Leipzig. Schon wenige Tage später erlaubten die provisorischen Besatzungsbehörden erste Schritte in Richtung einer Wiedereröffnung der Universität. Am 1. Mai 1945, also noch vor der endgültigen Kapitulation der deutschen Streitkräfte, erteilten sie die Erlaubnis zur Wahl eines neuen Rektors.<a id="a1" href="#f1"><sup>[1]</sup></a> Zwei Wochen später wurde der Archäologe Bernhard Schweitzer als erster Nachkriegsrektor von den Amerikanern bestätigt. Schweitzer galt politisch als unbelastet, da er nicht Mitglied der NSDAP gewesen war.<a id="a2" href="#f2"><sup>[2]</sup></a> Mit Rückendeckung der Besatzungsmacht verfolgte er das Ziel, die Universität wieder funktionsfähig zu machen, wobei sich die Entnazifizierung des Personals zu einem der Hauptstreitpunkte zwischen der Universität und den Besatzungsmächten entwickelte.</p>



<p>Kurz nach ihrem Einmarsch verhafteten die US-Streitkräfte acht Professoren, die in ihren Augen durch ihre Funktionen in der SS, der SA und im SD als herausragende Unterstützer des nationalsozialistischen Systems galten.<a id="a3" href="#f3"><sup>[3]</sup></a> Sie überließen es aber ansonsten der neuen Universitätsleitung unter Schweitzers Führung, das akademische Personal hinsichtlich seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus zu beurteilen und belastete Personen auszuschließen. Zu den letztgenannten sollten Universitätsangestellte gerechnet werden, die Ziele der NSDAP befördert, nationalsozialistischen Ideen Eingang in die Wissenschaft gewährt und akademische Prinzipien verletzt hatten. Allerdings stellte Schweitzer seinem Konzept einer „Selbstreinigung“ ein geschöntes Selbstbild voran. In einem Bericht über seine Amtsperiode als Rektor hieß es, die Universität habe in den zwölf Jahren des Nationalsozialismus „dem Eindringen politischer Agenten in den Lehrkörper und nationalsozialistischen Gedankenguts in die Wissenschaft erfolgreich Widerstand geleistet“.<a id="a4" href="#f4"><sup>[4]</sup></a> <strong>(Bild 1)</strong> Ein Großteil der Professoren sei gegen das Regime eingestellt gewesen. Ihre Mitgliedschaft in nationalsozialistischen Organisationen gäbe deshalb nur einen oberflächlichen und schematischen Eindruck, weshalb Schweitzer eine individuelle Prüfung aller Personalien als notwendig erachtete. Bis zum Abzug der Amerikaner Ende Juni 1945 wurden lediglich 15 weitere Hochschullehrer entlassen.<a id="a5" href="#f5"><sup>[5]</sup></a></p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Knapp 70 Universitätsangehörige, darunter Professoren, Dozenten, Assistenten und sonstige Mitarbeiter, vor allem der Medizinischen Fakultät und der naturwissenschaftlichen Fächer, wurden vor der Übergabe Leipzigs an die sowjetischen Besatzungstruppen nach Weilburg an der Lahn in die amerikanische Zone verbracht. Nur 17 Personen hatten sich dem Transport freiwillig angeschlossen. Die anderen wurden am 22. Juni 1945 per Befehl dazu verpflichtet.<a id="a6" href="#f6"><sup>[6]</sup></a> Ihre Zwangsverbringung warf bereits ein Schlaglicht auf die sich abzeichnenden Konfrontationslinien zwischen den Alliierten. Die Amerikaner wollten das intellektuelle Potential der Universität Leipzig nicht der Sowjetunion überlassen. Dagegen protestierte Rektor Schweitzer zusammen mit dem von den Amerikanern eingesetzten Oberbürgermeister Johannes Vierling, einem Anwalt und ehemaligen Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Sie bezeichneten die Verbringung der Leipziger Wissenschaftler als ein „event unparalleld in its history of more than 500 years“.<a id="a7" href="#f7"><sup>[7]</sup></a> <strong>(Bild 2)</strong> Angesichts der Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen und auch in Anbetracht des Ausbleibens universitärer Proteste gegen die Vertreibung politisch und „rassisch“ unliebsamer Wissenschaftler wenige Jahre zuvor, war dies eine äußerst zweifelhafte Einschätzung. Die Betroffenen mussten nicht um ihr Leben fürchten. Sie erhielten für einen Übergangszeitraum sichere Unterkünfte, Verpflegung, Taschengeld und zum Jahreswechsel 1945/46 schließlich das Angebot, an Hochschulen in den westlichen Besatzungszonen ihre Karrieren fortzusetzen.<a id="a8" href="#f8"><sup>[8]</sup></a> Letzteres nahmen die meisten auch mit Blick auf die sich abzeichnende schärfere Entnazifizierungspolitik an den Universitäten in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) an.<a id="a9" href="#f9"><sup>[9]</sup></a></p>



<p>Am 2. Juli 1945 übernahm die Rote Armee Leipzig. Die Entnazifizierungspolitik oblag fortan der Sowjetischen Militäradministration (SMAD), die nach den Vorgaben Moskaus den Aufbau von Verwaltungsstrukturen koordinierte. Sie verschärfte schon bald die bisherigen Entnazifizierungsmaßnahmen. Statt auf eine universitäre Selbstreinigung zu vertrauen, drängten die Verantwortlichen darauf, allen ehemaligen Mitgliedern der NSDAP und ihrer Massenorganisationen eine Wieder- oder Weiterbeschäftigung zu verwehren. Unterstützt und vorangetrieben wurde dieses Vorgehen von den aus Moskau zurückgekehrten kommunistischen Kadern, die in der sächsischen Landesverwaltung und in der Zentralverwaltung für Volksbildung in Berlin führende Positionen einnahmen.<a id="a10" href="#f10"><sup>[10]</sup></a> Im Oktober und November 1945 folgten weitere Entlassungen durch eine Kommission, in der nicht universitäre Selbstverwaltungsinstanzen, sondern sächsische Ministerialangestellte mit Rückendeckung der SMAD die Entscheidungsgewalt besaßen.<a id="a11" href="#f11"><sup>[11]</sup></a> Von 147 akademischen Lehrkräften, die nach dem Abzug der Amerikaner noch in Dienst waren, blieben daraufhin nur noch 50 an der Universität.<a id="a12" href="#f12"><sup>[12]</sup></a></p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Die unterschiedlichen Entnazifizierungsansätze beider Besatzungsmächte offenbarten nicht nur das jeweilige Verständnis über die Verstrickung des Universitätspersonals in das nationalsozialistische System, sondern ebenso abweichende Perspektiven hinsichtlich des zukünftigen Stellenwerts der Universität. Die sowjetischen Behörden und die aus dem Exil zurückgekehrten Kommunisten sahen die geplante Wiedereröffnung der Universität als einen weiteren Schritt hin zu demokratischer Erneuerung an. Der Prozess bedürfe deshalb staatlicher Lenkung und fortlaufender Kontrolle. Schweitzers Ideale von autonomer Wissenschaftlichkeit und universitärer Selbstverwaltung ließen sich damit nicht vereinbaren. Am 5. Januar 1946 trat er als Rektor zurück.<a id="a13" href="#f13"><sup>[13]</sup></a></p>



<p>Einen Monat später wurde die Universität wiedereröffnet. <strong>(Bild 3)</strong> Schon die Wahl des Veranstaltungsortes deutete den symbolischen Bruch mit den bisherigen akademischen Traditionen an: Der Festakt fand im Filmtheater Capitol und nicht in der übergangsweise als Aula genutzten Paulinerkirche statt. Zur antifaschistischen Neujustierung der akademischen Bildung gehörte auch die Veränderung der sozialen Zusammensetzung der Studentenschaft. Mit neuen Richtlinien wurde der Hochschulzugang für bislang aus sozialen oder politischen Gründen am Studium gehinderte Gesellschaftsschichten erleichtert.<a id="a14" href="#f14"><sup>[14]</sup></a> Dieses bildungspolitische Ziel, das über das linke politische Spektrum hinaus auf Zustimmung stieß, zog schnell die Bevorzugung von Angehörigen der Arbeiter und Bauernschaft, von KPD- und nach 1946 von SED-Mitgliedern nach sich. Bis zur Gründung der DDR 1949 waren damit Entwicklungen auf den Weg gebracht, mit der eine grundlegende Entbürgerlichung der Universität einherging.</p>



<p>Mit <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1469">Erwin Jacobi</a> wurde 1947/48 letztmals ein „bürgerlicher“ Rektor berufen. Als Verfolgter des NS-Regimes und aufgrund seines Engagements für die Arbeiterbildung galt er als idealer Kandidat in dieser Umbruchsphase. Unter seiner Ägide setzte sich die schrittweise Entmachtung universitärer Gremien bei wachsendem Einfluss der SED fort. In allen Fakultäten bildeten sich Parteigruppen, die zunehmend Entscheidungs- und Kontrollfunktionen übernahmen. Nach der Gründung der DDR wurden die Hochschulen direkt dem Ministerium für Volksbildung in Berlin unterstellt. Gleichzeitig erhielt die Erziehung von Studenten und Lehrkräften zu Kämpfern für den Sozialismus noch mehr Gewicht.<a id="a15" href="#f15"><sup>[15]</sup></a> Ab der Hochschulreform von 1951/52 galt ein gesellschaftswissenschaftliches Grundstudium des Marxismus/Leninismus für alle Fachbereiche als verbindlich. <strong>(Bild 4 und 5)</strong> Die Einführung straffer Stundenpläne, kleiner Seminargruppen und eines obligatorischen Russisch- und Sportunterrichts verschulte das Studium noch stärker. Für eine Zulassung zum Hauptstudium mussten Studenten die politisch-ideologischen Grundstudienfächer erfolgreich abschließen.<a id="a16" href="#f16"><sup>[16]</sup></a> <strong>(Bild 6 und 7)</strong> Eine Reihe weiterer Entwicklungsschritte setzte die Zentralisierung und Ideologisierung der Universitäten fort. So avancierte die staatliche Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) zur Kontrollinstanz für den Studienbetrieb. In den auch für Nicht-FDJ-Mitglieder verpflichtenden Seminargruppen, die den Studienalltag bestimmten, führten FDJ-Sekretäre Gruppenbücher. Mit ihnen wurden Teilnahme und Leistungsziele der Studenten überprüft. Die FDJ-Leitung konnte zudem Exmatrikulationen vorschlagen.<a id="a17" href="#f17"><sup>[17]</sup></a></p>
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<p>Mit Wiedereröffnung der Universität bildeten sich aber auch politische Gruppen, die studentische Interessen vertreten wollten und sich an den zugelassenen Parteien orientierten. Neben der universitären „Betriebsgruppe der FDJ“ konstituierten sich auch „Betriebsgruppen“ der Liberal-Demokratischen Partei (LDPD) und der Christlich-Demokratischen Union (CDUD). Ein linkes und ein bürgerliches Lager standen sich damit an der Universität gegenüber.<a id="a18" href="#f18"><sup>[18]</sup></a> Nach Studentenratswahlen im Februar 1947 verfügten die bürgerlichen „Betriebsgruppen“ mit jeweils sechs studentischen Abgeordneten gegenüber den acht Vertretern der SED über eine Mehrheit. Das LDPD-Mitglied Wolfgang Natonek (1919–1994) wurde zum ersten Vorsitzenden des Studentenrates gewählt. <strong>(Bild 8) </strong>Zumindest in der Wiedereröffnungsphase der Universität war Opposition gegen die Interessen der SED also noch möglich.<a id="a19" href="#f19"><sup>[19]</sup></a></p>



<p>Von Beginn an beobachteten die sowjetischen Besatzungsbehörden den Studentenrat mit seiner bürgerlichen Mehrheit kritisch. Sie taten dies umso mehr, als sich dessen Vorsitzender Natonek in der umstrittenen Frage der Zugangsbedingungen zur Universität öffentlich gegen eine Bevorzugung von Arbeiterstudenten aussprach.<a id="a20" href="#f20"><sup>[20]</sup></a> Auf dem Parteitag der LDPD in Bad Schandau am 1. Dezember 1947 äußerte Natonek, dass es schon „einmal eine Zeit“ gegeben habe, „in der der verhindert war zu studieren, der eine nichtarische Großmutter hatte. Wir wollen nicht eine Zeit, in der es dem verhindert wird zu studieren, der nicht über eine proletarische Großmutter verfügt“.<a id="a21" href="#f21"><sup>[21]</sup></a></p>



<p>Natonek sprach dabei aus eigener Erfahrung. Sein Vater, der deutsch-tschechische Schriftsteller Hans Natonek, wurde von den Nationalsozialisten aufgrund seiner jüdischen Herkunft in die Emigration gezwungen. Er selbst hatte trotz großer Widerstände zwar noch 1938 sein Abitur abschließen und zwei Semester Veterinärmedizin studieren können. Schließlich hatte er sein Studium abgebrochen, weil er als „Halbarier“ und – aufgrund der Ausbürgerung des Vaters – als „Staatenloser“ keine Chance auf Zulassung zu den Prüfungen hatte. 1940 wurde Natonek zur Wehrmacht eingezogen, doch bereits ein Jahr später aufgrund seiner jüdischen Herkunft wieder ausgemustert. Als Hilfsarbeiter überstand er die Kriegsjahre in Leipzig. Hier half er kurz vor Kriegsende, drei sowjetische Kriegsgefangene bis zur Befreiung durch die Amerikaner zu verbergen.<a id="a22" href="#f22"><sup>[22]</sup></a> Mit der Universitätswiedereröffnung nahm der überzeugte Antifaschist und Demokrat ein Studium der Germanistik, Anglistik und Zeitungswissenschaft auf.</p>



<p>Sein Widerstand gegen die Änderung der Immatrikulationsbestimmungen steigerte seine Popularität unter den Studenten, zumal er auch auf deutschlandweiten Treffen wie dem von der FDJ organisierten Wartburgfest der deutschen Studentenschaft seine Kritik an einer ideologischen Engführung des Wissenschaftsbetriebs vortrug. <strong>(Galerie 1)</strong> Da sowohl die SED als auch die SMAD im Vorfeld der Wahlen zum Studentenrat im Dezember 1948 einen weiteren Sieg des bürgerlichen Lagers befürchteten, wurden Natonek und 20 weitere, meist der LDPD angehörende Studenten am 12. November verhaftet. Erst Monate später informierte das Presseorgan der SMAD, dass Natonek wegen angeblicher Verbindungen zu westlichen Stellen zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt worden sei.<a id="a23" href="#f23"><sup>[23]</sup></a> <strong>(Galerie 2)</strong> Weitere Repressionsmaßnahmen, darunter die Auflösung der LDPD-Hochschulgruppe, der Entzug von Stipendien und das Verbot von Kandidaturen zur Studentenratswahl, zerschlugen die legale Studentenopposition endgültig. <strong>(Bild 9) </strong>Natonek wurde nach mehreren Gnadengesuchen am 10. März 1956 entlassen. Er flüchtete in die Bundesrepublik. Mit 37 Jahren nahm er in Göttingen erneut das Studium der Germanistik und der Philosophie auf. Nach seinem Examen 1962 war er bis zur Pensionierung im Jahr 1984 als Gymnasiallehrer tätig.</p>
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<p>Am 5. Mai 1953 erfolgte die Umbenennung der Leipziger Alma Mater in Karl-Marx-Universität. Dies war ein deutliches Symbol für den Anspruch, die Hochschule nun vollends in den Dienst des Aufbaus des Sozialismus zu stellen. Für eine Zeit hielten sich trotzdem noch letzte Reste bürgerlicher Gelehrsamkeit. Allerdings waren sie nicht das Ergebnis eines programmatischen Anknüpfens an bürgerliche Bildungsideale, sondern ergaben sich eher als Konsequenz konkreter Personalentscheidungen. Insbesondere die Lehrtätigkeit jüdischer Remigranten hielt Elemente der alten Gelehrtenuniversität noch in den Anfangsjahren der DDR lebendig.</p>



<p>Trotz des antifaschistischen Anspruchs existierte keine explizite Strategie zur Wiedergutmachung von nationalsozialistischem Unrecht an der Universität. Organisierte Versuche einer gezielten Wiederberufung von aus Leipzig vertriebenen Wissenschaftlern gab es nicht. Auch deshalb kehrte kaum einer von ihnen nach Leipzig zurück. Generell fiel es vielen Emigranten schwer, sich eine Zukunft in Deutschland vorzustellen. Vor allem die Naturwissenschaftler hatten sich meist in ihren Exilländern beruflich etabliert. Hinzu kamen politische Vorbehalte, in das Land der Täter zurückzukehren.<a id="a24" href="#f24"><sup>[24]</sup></a> Antisemitismus war in Deutschland weiterhin verbreitet und zahlreiche Deutsche betrachteten die Emigranten als Feiglinge und Drückeberger.<a id="a25" href="#f25"><sup>[25]</sup></a></p>



<p>Zu den wenigen Rückkehrern nach Leipzig gehörten der Jurist <a href="http://gelehrte.dubnow.de/?p=1469">Erwin Jacobi </a> <strong>(Bild 10) </strong>und der Gynäkologe Felix Skutsch. <strong>(Bild 11)</strong> Jacobi hatte die NS-Zeit in Deutschland überstanden. Der betagte Skutsch kam aus dem Konzentrationslager Theresienstadt nach Leipzig zurück.<strong> (Bild 12) </strong>Mit Wiedereröffnung der Universität wurden beide auf Professorenstellen berufen. Der von den Nationalsozialisten aus Leipzig vertriebene Mathematiker Friedrich Levi erhielt 1952 eine Professur an der Freien Universität Berlin.</p>



<p>Mit dem Arzt Felix Boenheim (1890–1960), dem Rechtswissenschaftler Karl Polak (1905–1963), dem Journalisten Hermann Budziuslawski (1901–1978) sowie dem Ökonomen Henryk Grossmann (1881–1951) wurden außerdem Remigranten an die Leipziger Universität berufen, die zuvor nicht hier beschäftigt waren.<a id="a26" href="#f26"><sup>[26]</sup></a> <strong>(Bild 13 bis 16) </strong>Als überzeugte Antifaschisten und Kommunisten entschieden sich diese Wissenschaftler bewusst für eine Tätigkeit in der SBZ beziehungsweise der DDR, um den demokratischen Neuanfang und später den sozialistischen Staat zu unterstützen.</p>
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<p>Zu jener Gruppe zählen auch der Philosoph Ernst Bloch (1885–1977) und der Literaturwissenschaftler Hans Mayer (1907–2001). Beide flohen als Marxisten mit jüdischer Herkunft aus dem nationalsozialistischen Deutschland.<a id="a27" href="#f27"><sup>[27]</sup></a> Allerdings glückte ihnen als Geisteswissenschaftlern im Exil keine geradlinige akademische Karriere. Auch insofern war der Ruf nach Leipzig für beide eine lohnende Berufsoption. Entscheidend aber war, dass ihnen die SBZ als der bessere Teil Deutschlands erschien, weil sie hier einen konsequenteren antifaschistischen Neuanfang verwirklicht sahen. Ihr persönlicher Aufstieg schien ihnen zunächst Recht zu geben. Mayer, der den Lehrstuhl für Kultursoziologie innehatte, sprach vor überfüllten Hörsälen und stieg in verantwortungsvolle Positionen auf. 1948 übernahm er die Leitung der Abteilung für Kulturgeschichte und Kulturpolitik des neu gegründeten Franz-Mehring-Instituts. Drei Jahre später ernannte man ihn zum Direktor des Instituts für Nationalliteraturen und zum ordentlichen Professor für Neue und Neueste deutsche Literatur. <strong>(Bild 17 und 18)</strong> Zu diesem Zeitpunkt stimmte Mayer mit dem politischen System weitgehend überein. 1949 hielt er die Festrede zu Stalins 70. Geburtstag und schwieg zur Repression gegen die studentische Opposition an der Leipziger Universität.<a id="a28" href="#f28"><sup>[28]</sup></a></p>



<p>Bei seinen Studenten war Mayer trotzdem ungemein beliebt. Dazu trugen sein freier Vortragsstil, vor allem aber seine unorthodoxe Thematisierung von Fragen der Kunst und Literatur bei. Dabei wich Mayer immer wieder von der offiziellen Parteilinie und deren Fokus auf proletarisch-revolutionäre Literatur ab. Er beschäftigte sich auch mit Autoren wie Franz Kafka, William Faulkner und Thornton Wilder. Solche „bürgerlich-westliche Kunst“ bewertete er dann positiv, wenn sie in seinen Augen die Humanität beförderte. Mit diesem universal ausgerichteten Zugang zu Kunst und Literatur sowie aufgrund seines Festhaltens an der Idee eines geeinten Deutschlands geriet er nahezu zwangsläufig in Konflikt mit der geltenden Staatsdoktrin.<a id="a29" href="#f29"><sup>[29]</sup></a></p>



<p>Nach Bekanntwerden der stalinistischen Verbrechen in der Sowjetunion und dem Ungarnaufstand 1956 verstärkte sich Mayers Sensibilität für die verloren gegangenen Freiheitsräume im Staatssozialismus. Im gleichen Jahr bemängelte er in einem Artikel für die Wochenzeitung <em>Der Sonntag</em> die schematische Wirklichkeitsdarstellung der zeitgenössischen DDR-Literatur und lobte demgegenüber die literarische Moderne des Westens.<a id="a30" href="#f30"><sup>[30]</sup></a> Seine deutliche Kritik an dogmatischen Beschränkungen der sozialistischen Literatur ließ ihn ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit geraten. Mayer wurde überwacht, seine Privaträume wurden abgehört und einige seiner Mitarbeiter als Informanten des Geheimdienstes verpflichtet.<a id="a31" href="#f31"><sup>[31]</sup></a> Zudem gab es immer häufiger Konflikte mit der Parteileitung der Universität und der SED-Bezirksleitung. <strong>(Galerie 3 und 4)</strong> Trotzdem blieb Mayer in der DDR, die er nach wie vor als das stärkere Bollwerk gegen ein Wiedererstarken des Faschismus einschätzte.</p>



<p>Die Stimmungsmache gegen seine Person und seine Arbeit führte er auf antisemitische Motive vormaliger NSDAP-Mitglieder zurück.<a id="a32" href="#f32"><sup>[32]</sup></a> Dabei verkannte Mayer, dass zu seinen schärfsten Gegnern altgediente kommunistische Kader gehörten, wie der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Paul Fröhlich.<a id="a33" href="#f33"><sup>[33]</sup></a> Deren manichäisches Weltbild, das sie gegen jegliche „kosmopolitischen Einflüsse“ abzudichten versuchten, wies allerdings gelegentlich durchaus strukturelle Parallelen zum Weltbild des modernen Antisemitismus auf.<a id="a34" href="#f34"><sup>[34]</sup></a> Nachdem sich ein Teil seiner Mitarbeiter mit Aufsätzen und Artikeln gegen ihn gewandt hatte und andere von der Parteileitung gedrängt worden waren, sich ebenfalls öffentlich von ihm zu distanzieren, sah Mayer die Bedingungen für seine Mitgestaltung des Sozialismus in der DDR nicht mehr gegeben. Im Sommer 1963 kehrte er von einem Besuch der Wagner-Festspiele in Bayreuth nicht mehr nach Leipzig zurück.<a id="a35" href="#f35"><sup>[35]</sup></a> <strong>(Bild 19)</strong></p>
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<p>Ganz ähnlich gestaltete sich der Werdegang von Ernst Bloch. Als er im Sommersemester 1949 mit 64 Jahren aus dem amerikanischen Exil nach Leipzig kam, begann seine erfolgreichste Schaffensperiode. <strong>(Bild 20)</strong> Schnell erfuhr er berufliche Anerkennung, konnte mit Publikationen wie Vorlesungen wieder in einen direkten Austausch mit einem größeren deutschsprachigen Publikum treten und profitierte zudem von den materiellen Vorzügen seiner Professorenstelle. Dabei hatte es zunächst fakultätsintern Widerstand gegen seine Berufung auf ein Ordinariat für Philosophie gegeben:<a id="a36" href="#f36"><sup>[36]</sup></a> Bloch wurden zwar zweifelsfrei intellektuelle Qualitäten zugestanden, allerdings stellte man seine wissenschaftliche Befähigung in Frage.<a id="a37" href="#f37"><sup>[37]</sup></a> Nachdem sich die Berufungskommission auf der Grundlage externer Gutachten nur zu einer Berufung Blochs auf einen Lehrstuhl für Soziologie einigen konnte, ernannte ihn das sächsische Volksbildungsministerium zum 1. Juni 1948 schließlich zum ordentlichen Professor für Philosophie und zugleich zum Direktor des Philosophischen Instituts. (<strong>Bild 21 und 22)</strong> Ganz offensichtlich war diese Ernennung politisch gewünscht. In der Begründung hieß es unter anderem, dass damit „das Unrecht wieder gutgemacht werden soll, das einem hervorragendem Vertreter deutscher Wissenschaft von dem nazistischen Regime zugefügt“ wurde.<a id="a38" href="#f38"><sup>[38]</sup></a> </p>



<p>Wie auch Hans Mayer erlebte Bloch seine ersten Leipziger Jahre als beruflichen Aufstieg. Zusammen mit Wolfgang Harich gab er die <em>Zeitschrift für Philosophie</em> heraus. Seine Vorlesungen waren ungemein beliebt, vor allem weil Blochs unkonventionelle Auslegung des Marxismus, angereichert etwa durch religiöse Denktraditionen, vom Hauptstrom der ideologischen Phraseologie abwich.<a id="a39" href="#f39"><sup>[39]</sup></a> Trotzdem beteuerte er immer wieder öffentlich seine sozialistischen Grundüberzeugungen und erhielt eine Reihe staatlicher Auszeichnungen. Anlässlich seines 70. Geburtstags 1955 wurde ihm der Nationalpreis verliehen. Im selben Jahr berief ihn die Akademie der Wissenschaften der DDR zu einem ihrer Mitglieder.<a id="a40" href="#f40"><sup>[40]</sup></a> <strong>(Bild 23)</strong></p>
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<p>Allerdings geriet auch Bloch in dieser Phase zunehmend in Konflikt mit der Parteileitung. Schon das von ihm geäußerte Verständnis für die Proteste am 17. Juni 1953, die er zwar nicht begrüßte, aber zumindest nachvollziehen konnte, widersprach deren offizieller Einordnung der Ereignisse.<a id="a41" href="#f41"><sup>[41]</sup></a> Außerdem kritisierte er die Verschulung des gesellschaftswissenschaftlichen Studiums, in deren Folge die marxistische Diskussion immer uniformere und verflachendere Züge annahm. Nach Bekanntwerden von Chruschtschows Geheimrede über die Verbrechen Stalins 1956 sprach er sich umso vehementer für die Beibehaltung der Freiheit im Sozialismus aus und wurde damit zum Beobachtungsobjekt der Staatssicherheit. Parallel startete eine in Form von Zeitungsartikeln und offenen Briefen geführte Kampagne gegen Bloch. <strong>(Bild 24)</strong> Auch Staatschef Walther Ulbricht persönlich mischte sich ein: Unverblümt warf er Bloch vor, federführend gegen die sozialistische Hochschule zu agitieren.<a id="a42" href="#f42"><sup>[42]</sup></a> Anfang Januar 1957 wurde Bloch von seinen Lehrverpflichtungen entbunden. <strong>(Bild 25)</strong> Wenige Monate später fand an seinem Institut eine Konferenz zur „Kritik der revisionistischen Philosophie Ernst Blochs“ statt, die ihn öffentlich diskreditieren sollte. <strong>(Bild 26)</strong> Im Sommer darauf folgte die zwangsweise Emeritierung.</p>



<p>Bloch blieb noch einige Jahre in der DDR und hielt an dem Glauben fest, hier könne ein menschenwürdiger Sozialismus gerettet werden. Während er in dieser Zeit aufgrund seiner weit über die DDR hinausreichenden Popularität weitgehend unbehelligt blieb, sahen sich seine Schüler direkter staatlicher Repression ausgesetzt. Denjenigen, die sich nicht von ihm distanzierten, wurde eine akademische Laufbahn verwehrt. Ihnen drohte die Strafversetzung in die „sozialistische Produktion“ oder gar Gefängnishaft. Während des Mauerbaus im August 1961 verbrachte Bloch einen Urlaub in Westdeutschland. Desillusioniert von den sich verengenden politischen Verhältnissen und immer begrenzteren Arbeitsmöglichkeiten entschied er sich gegen eine Rückkehr in die DDR.<a id="a43" href="#f43"><sup>[43]</sup></a></p>
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<p>Die Weltläufigkeit der beiden Intellektuellen Mayer und Bloch, die rhetorische Qualität ihrer Lehre und die vielfältigen Quellen ihres Denkens standen in der Tradition des in der DDR systematisch zurückgedrängten Bildungsbürgertums. Allerdings hatten beide, wie viele andere Juden im 19. und 20. Jahrhundert auch, als Reaktion auf die Hindernisse der bürgerlichen Emanzipation ihre von Verfolgung und Ablehnung begleitete Herkunft gegen das kommunistische Versprechen einer universellen Zukunft eingetauscht. Davon erhofften sie sich ein Leben ohne soziale Ungleichheit, aber vor allem ohne Diskriminierung.<a id="a44" href="#f44"><sup>[44]</sup></a> Der privilegierte Lebensstil von Mayer und Bloch zeigte, dass diese Orientierung nicht ohne lebensweltliche Widersprüche auskam. Beide lebten in großbürgerlichen Wohnverhältnissen, Bloch gar in einer Villa mit Hausangestellten, und verdienten in etwa das zehnfache eines einfachen Arbeiters. Die Lebenswirklichkeit der Arbeiterklasse stand beiden Intellektuellen eher fern.<a id="a45" href="#f45"><sup>[45]</sup></a> Doch waren die ambivalenten Ausprägungen dieser Lebensumstände gleichermaßen mit der Hoffnung auf gesellschaftliche Anerkennung und Teilhabe verbunden. Während die DDR Mayer und Bloch eine sozialökonomische Besserstellung bot, ja regelrecht damit lockte, um mit den namhaften Remigranten den eigenen Staat zu schmücken, negierte sie die bürgerliche Geistesfreiheit.</p>



<p>Dies geschah nicht nur durch eine zunehmend dogmatische Ausrichtung des Marxismus. Vielmehr offenbarte die offizielle Staatsdoktrin selbst immer deutlicher Elemente eines links gewendeten Antisemitismus. Dies war etwa dann der Fall, wenn das „parasitäre Finanzkapital des Westens“ den Interessen der Werktätigen gegenübergestellt und kämpferische Geschlossenheit des „sozialistischen Volkskörpers“ gegen die vermeintliche „Zersetzung durch Agenten und innere Feinde“ verlangt wurde.<a id="a46" href="#f46"><sup>[46]</sup></a> Mayer und Bloch hatten einige Stufen dieser ideologischen Zuspitzung ignoriert. Anfang der 1950er Jahre fanden in den Staaten des Ostblocks sogenannte „Parteisäuberungen“ statt, die deutlich antisemitische Züge trugen. So fand in der Tschechoslowakei 1952 ein Schauprozess gegen führende Mitglieder der Kommunistischen Partei statt. Von den 14 Angeklagten waren elf jüdischer Herkunft, darunter der als Rädelsführer beschuldigte ehemalige Erste Sekretär der tschechoslowakischen KP, Rudolf Slánský. Die Beschuldigten wurden als Zionisten und Kosmopoliten diffamiert. Elf von ihnen wurden hingerichtet.<a id="a47" href="#f47"><sup>[47]</sup></a></p>
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<p>Bereits 1950 war in der DDR der hohe SED-Funktionär Paul Merker von all seinen Ämtern enthoben worden, weil er sich während seines Exils in Mexiko für Reparationszahlungen an von Deutschland verfolgte Juden ausgesprochen hatte. Neben Merker gerieten weitere jüdische Remigranten unter den Verdacht, darunter die hochrangigen SED-Kader Leo Zuckermann und Alexander Abusch, die ebenfalls im mexikanischen Exil gelebt hatten. Merker wurde 1955 als „imperialistischer Agent“ zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Abusch und Zuckermann verloren ihre Posten. Zuckermann sah sich schließlich – wie etwa 500 jüdische DDR-Bürger zwischen 1952 und 1953, darunter die führenden Repräsentanten der ostdeutschen jüdischen Gemeinden – zur Flucht in den Westen gezwungen.<a id="a48" href="#f48"><sup>[48]</sup></a></p>



<p>Mayer und Bloch glaubten zu jener Zeit noch an die DDR als den besseren deutschen, weil antifaschistischen Staat. In einer ihrer Meinung nach vor allem restaurativen Bundesrepublik hielten sie sich als Sozialisten mit jüdischer Herkunft für noch stärker gefährdet als in der DDR. Erst später setzte ein Umdenken ein. Ihre Erfahrungen im westlichen Teil Deutschlands, in dem sie einen äußerst produktiven und von öffentlicher Wertschätzung begleiteten Lebensabend verbrachten, widerlegten zumindest einen Teil ihrer früheren Urteile. In Leipzig setzte ihr erzwungener Abschied allerdings einen doppelten Schlusspunkt: Für die Universität beendete er das allerletzte Kapitel der Geschichte bürgerlicher Gelehrsamkeit und der daran geknüpften Hoffnung jüdischer Teilhabe. Zudem markierte die Flucht das Scheitern einer sozialistischen Utopie: Die realsozialistische DDR war nicht der von vielen jüdischen Antifaschisten ersehnte Ort, an dem die an Herkunft gekoppelte Erfahrungen von Unterdrückung abgestreift und gegen eine Zukunft in Freiheit eingetauscht werden konnte.</p>
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<p><a id="f1" href="#a1"><sup>[1]</sup></a> Günther Heydemann, Sozialistische Transformation. Die Universität vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Mauerbau. 1945–1961, in: Franz Häuser (Hg.), Geschichte der Universität Leipzig, 1409–2009, Bd. 3, Leipzig 2010, 335–565, hier 349.</p>



<p><a id="f2" href="#a2"><sup>[2]</sup></a> Helga A. Welsh, Entnazifizierung und Wiedereröffnung der Universität Leipzig 1945–1946. Ein Bericht des damaligen Rektors Professor Bernhard Schweitzer, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 33 (1985), H. 2, 339–372.</p>



<p><a id="f3" href="#a3"><sup>[3]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformation, 351.</p>



<p><a id="f4" href="#a4"><sup>[4]</sup></a> Bernhard Schweitzer, Bericht über die Vorgänge an der Universität Leipzig vom 16. Mai 1945 bis zum 21. Januar 1946, dokumentiert in: Helga A. Welsh, Entnazifizierung und Wiedereröffnung, 357.</p>



<p><a id="f5" href="#a5"><sup>[5]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformation, 352.</p>



<p><a id="f6" href="#a6"><sup>[6]</sup></a> Konrad Krause, Alma mater Lipsiensis. Geschichte der Universität Leipzig von 1409 bis zur Gegenwart, Leipzig 2003, 310; Heydemann, Sozialistische Transformation, 352–353.</p>



<p><a id="f7" href="#a7"><sup>[7]</sup></a> Hier zit. n. Heydemann, Sozialistische Transformation, 354.</p>



<p><a id="f8" href="#a8"><sup>[8]</sup></a> Insofern ist auch die Bezeichnung des Vorgangs als „Deportation“, wie sie von Günther Heydemann vorgenommen wird, unangemessen; vgl. Heydemann, Sozialistische Transformation, 354. Unter „Deportation“ ist die zwangsweise Verschickung von Menschen zu verstehen, die aus politischen und ideologischen Gründen verfolgt werden und deren Verbringung auf eine Bestrafung oder gar ihre Vernichtung zielt. Die sprachliche Parallele zur Vertreibung der jüdischen Bevölkerung ist offensichtlich. Ebenso trifft der Begriff auf die massenhafte Verschickung von verschiedenen Opfergruppen in sowjetische Arbeitslager zu. Die Leipziger Wissenschaftler sahen sich im Unterschied dazu nach ihrer temporären Freiheitsberaubung weder mit der Gefahr ihrer physischen Auslöschung noch mit anhaltenden Schikanen und Freiheitseinschränkungen konfrontiert.</p>



<p><a id="f9" href="#a9"><sup>[9]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformation, 355.</p>



<p><a id="f10" href="#a10"><sup>[10]</sup></a> Ebd., 362–370.</p>



<p><a id="f11" href="#a11"><sup>[11]</sup></a> Helga A. Welsh, Entnazifizierung und Wiedereröffnung der Universität Leipzig 1945–1946, 346.</p>



<p><a id="f12" href="#a12"><sup>[12]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformationen, 366.</p>



<p><a id="f13" href="#a13"><sup>[13]</sup></a> Ebd., 368.</p>



<p><a id="f14" href="#a14"><sup>[14]</sup></a> Ebd., 379.</p>



<p><a id="f15" href="#a15"><sup>[15]</sup></a> Vgl. zusammenfassend zu den Phasen des Wandels: Krause, Alma Mater Lispiensis, 322–324.</p>



<p><a id="f16" href="#a16"><sup>[16]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformationen, 438.</p>



<p><a id="f17" href="#a17"><sup>[17]</sup></a> Ebd., 440.</p>



<p><a id="f18" href="#a18"><sup>[18]</sup></a> Ebd., 470–474.</p>



<p><a id="f19" href="#a19"><sup>[19]</sup></a> Vgl. zur studentischen Opposition in Leipzig: Gerald Wiemers/Jens Blecher, Studentischer Widerstand an der Universität Leipzig 1945–1955, Beucha 1998.</p>



<p><a id="f20" href="#a20"><sup>[20]</sup></a> Zu Wolfgang Natonek: Gerald Wiemers, Wolfgang Natonek, in: Leipzig-Lese.de, <a href="https://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=247">https://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=247</a> (letzter Aufruf: 26.01.2022).</p>



<p><a id="f21" href="#a21"><sup>[21]</sup></a> Hier zit. n. Heydemann, Sozialistische Transformationen, 478.</p>



<p><a id="f22" href="#a22"><sup>[22]</sup></a> Karl Wilhelm Fricke, Wolfgang Natonek (1919–94), in: Biografisches Lexikon Widerstand und Opposition im Kommunismus 1945–91, <a href="https://www.dissidenten.eu/laender/deutschland-ddr/biografien/wolfgang-natonek/">https://www.dissidenten.eu/laender/deutschland-ddr/biografien/wolfgang-natonek/</a> (letzter Aufruf: 26.01.2022).</p>



<p><a id="f23" href="#a23"><sup>[23]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformation, 481–483.</p>



<p><a id="f24" href="#a24"><sup>[24]</sup></a> Marita Krauss, Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945, München 2001, hier bes. 80–93.</p>



<p><a id="f25" href="#a25"><sup>[25]</sup></a> Marina Aschkenasi, Jüdische Remigration nach 1945, <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/192581/exil" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/192581/exil</a>, (letzter Aufruf, 26.01.2022).</p>



<p><a id="f26" href="#a26"><sup>[26]</sup></a> Mit Blick auf diese Personen wurde etwas irreführend die Leipziger Universität gar als ein „Zentrum der akademischen Remigration nach dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnet; vgl. Matthias Middell, „Moderner Geistestyp“ statt „mit exakten Forschungsmethoden vertrauter Gelehrter.“ Leipzig als ein Zentrum der akademischen Remigration nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Rudolf Hiller von Gaertringen (Hg.), Denken ist Überschreiten. Ernst Bloch in Leipzig, Leipzig 2004, 49–84.</p>



<p><a id="f27" href="#a27"><sup>[27]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformation, 546–565.</p>



<p><a id="f28" href="#a28"><sup>[28]</sup></a> Ebd., 548–549.</p>



<p><a id="f29" href="#a29"><sup>[29]</sup></a> Ebd., 550.</p>



<p><a id="f30" href="#a30"><sup>[30]</sup></a> Mario Keßler, Sozialisten jüdischer Herkunft zwischen Ost und West. Ernst Bloch, Hans Mayer, Alfred Kantorowicz, Leo Kofler, Josef Winterniz, in: Hochschule Ost 8 (1999), H. 1–2, 21–46, hier 26. </p>



<p><a id="f31" href="#a31"><sup>[31]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformation, 562.</p>



<p><a id="f32" href="#a32"><sup>[32]</sup></a> Ebd.</p>



<p><a id="f33" href="#a33"><sup>[33]</sup></a> Keßler, Sozialisten jüdischer Herkunft zwischen Ost und West, 27.</p>



<p><a id="f34" href="#a34"><sup>[34]</sup></a> Vgl. zum Antisemitismus in der DDR: Thomas Haury, Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR, Hamburg 2002, hier 430.</p>



<p><a id="f35" href="#a35"><sup>[35]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformation, 563.</p>



<p><a id="f36" href="#a36"><sup>[36]</sup></a> Middell, ,Moderner Geistestyp&#8216; statt ,mit exakten Forschungsmethoden vertrauter Gelehrter&#8216;, 65–70.</p>



<p><a id="f37" href="#a37"><sup>[37]</sup></a> Ebd., 68.</p>



<p><a id="f38" href="#a38"><sup>[38]</sup></a> Zit. nach Heydemann, Sozialistische Transformation, 551.</p>



<p><a id="f39" href="#a39"><sup>[39]</sup></a> Ebd., 552–553.</p>



<p><a id="f40" href="#a40"><sup>[40]</sup></a> Gerald Wiemers, Zur Ernennung Ernst Blochs zum Professor der Philosophie an der Universität Leipzig und zu seinem Weggang. Nach der archivalischen Überlieferung, in: Rudolf Hiller von Gaertringen (Hg.), Denken ist Überschreiten. Ernst Bloch in Leipzig, Leipzig 2004, 87–99, hier 94.</p>



<p><a id="f41" href="#a41"><sup>[41]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformation, 554.</p>



<p><a id="f42" href="#a42"><sup>[42]</sup></a> Ebd., 556.</p>



<p><a id="f43" href="#a43"><sup>[43]</sup></a> Ebd., 558.</p>



<p><a id="f44" href="#a44"><sup>[44]</sup></a> Jan Gerber, Herkunft und Zukunft. Zum 200.Geburtstag von Karl Marx, in: Jüdische Geschichte und Kultur. Magazin des Dubnow-Instituts 2 (2018), 43–45, hier 45.</p>



<p><a id="f45" href="#a45"><sup>[45]</sup></a> Heydemann, Sozialistische Transformation, 564.</p>



<p><a id="f46" href="#a46"><sup>[46]</sup></a> Haury, Antisemitismus von links, 430.</p>



<p><a id="f47" href="#a47"><sup>[47]</sup></a> Michael Brenner/Norbert Frei, 1950–1967. Konsolidierung, in: Michael Brenner (Hg.), Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart. Politik, Kultur und Gesellschaft, München 2012, 153–294, hier 177; vgl. zum Slánský-Prozess: Jan Gerber, Ein Prozess in Prag. Das Volk gegen Rudolf Slánský und Genossen, Göttingen/Bristol 2017.</p>



<p><a id="f48" href="#a48"><sup>[48]</sup></a> Brenner/ Frei, 1950–1967, 178.</p>


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